Die Rendite der zehnjährigen US-Treasuries bewegt sich derzeit um 4,67 % und damit auf dem höchsten Stand seit Januar 2025. Gleichzeitig erreichte die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen am Dienstag 3,20 % – ein Niveau, das zuletzt 2011 gesehen wurde. In Japan stieg die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen auf über 2,8 % und damit auf den höchsten Stand seit fast 29 Jahren. Dies bestätigt, dass die Spannungen bei den langfristigen Zinsen inzwischen ein globales Phänomen sind und sich nicht mehr allein auf Sorgen um das amerikanische Haushaltsdefizit reduzieren lassen.

Der erste Treiber ist der Energiemarkt. Je länger der Ölpreis hoch bleibt, desto schwieriger wird es für die Zentralbanken, den Inflationsschock weiterhin als „vorübergehend“ einzustufen. In den USA preisten die Fed-Funds-Futures nach der Dezember-Sitzung noch zwei Zinssenkungen für 2026 ein. Inzwischen sehen die Märkte jedoch eine Wahrscheinlichkeit von rund 50 % für eine Zinserhöhung bis Dezember.

Auch in der Eurozone hat sich das Bild deutlich verändert. Die Europäische Zentralbank galt zu Jahresbeginn noch als Institution, die sich in einer längeren Pause befindet. Mittlerweile rechnen die Märkte jedoch mit einer Zinserhöhung im Juni sowie einem weiteren Schritt später im Jahr.

In Japan betrifft die Veränderung weniger die Richtung als vielmehr das Tempo. Die Bank of Japan hatte bereits im Januar eine schrittweise geldpolitische Normalisierung eingeleitet. Doch inzwischen erwarten fast zwei Drittel der von Reuters befragten Ökonomen eine Anhebung auf 1,0 % bereits im Juni, gefolgt von einer weiteren Zinserhöhung im vierten Quartal.

Der Anstieg der langfristigen Renditen scheint allerdings auch durch bessere Konjunkturaussichten erklärt zu werden. Die Rendite zehnjähriger inflationsindexierter US-Staatsanleihen – der sogenannten Treasury Inflation-Protected Securities (TIPS) – stieg am 15. Mai auf 2,10 %. Diese Entwicklung passt zu überraschend robusten Makrodaten: Der Citi Economic Surprise Index für die USA steigt seit Ende April wieder an. Gleichzeitig verlief die Berichtssaison der Unternehmen außergewöhnlich stark.

Nach Angaben von FactSet übertrafen 84 % der Unternehmen im S&P 500 mit ihren Quartalszahlen die Gewinnerwartungen. Zudem erreichte das Gewinnwachstum im ersten Quartal das höchste Niveau seit dem vierten Quartal 2021.

Die steigenden Langfristzinsen verschärfen gleichzeitig den Wettbewerb zwischen Anleihen und anderen Anlageklassen. Das erklärt einen Teil des jüngsten Drucks auf Aktienmärkte und Gold. Sollte es nicht rasch zu einer Entspannung bei den Ölpreisen kommen, dürfte der Anstieg der langfristigen Renditen anhalten – zumindest solange, bis die höheren Finanzierungskosten ernsthafte Sorgen über das Wirtschaftswachstum auslösen.