Die größten Kryptowährungen, darunter Bitcoin und Ether, bleiben unter Druck, nachdem sie ihre lokalen Hochs vom 10. Mai verloren haben. Seitdem sind BTC und ETH um rund 8 % beziehungsweise 13 % gefallen. Während die Schwergewichte in einer Konsolidierungsphase feststecken, fließt Kapital erneut in bestimmte Bereiche des Altcoin-Marktes.

Diesmal wirkt die Dynamik jedoch anders als während der wahllosen „Altcoin-Manien“ früherer Jahre. Das Kapital konzentriert sich deutlich selektiver auf Projekte, die mit einem der derzeit stärksten Technologietrends verbunden sind: künstliche Intelligenz.

In der vergangenen Woche verzeichneten mehrere KI-bezogene Coins trotz der allgemeinen Marktschwäche massive Kursgewinne. Das dezentrale Prognosemarkt-Protokoll für das „agentische Zeitalter“ Rain (RAIN) sprang um 76 % nach oben, die dezentrale KI-Memory-Layer Unibase (UB) gewann 67 %, die KI-orientierte Blockchain NEAR Protocol (NEAR) stieg um 54 %, die KI-Automatisierungsplattform Artificial Superintelligence Alliance (FET) legte um 31 % zu und das dezentrale GPU-Netzwerk Render (RENDER) gewann 22 %. Selbst Worldcoin (WLD), ein biometrisches Identitätsprojekt, kletterte um 53 %. Das von Sam Altman mitgegründete Projekt positioniert sich als Infrastruktur zur Verifizierung menschlicher Identitäten in einer von KI dominierten Wirtschaft.

                                                               Performance der Top-100 Kryptowährungen über eine Woche. Quelle: Crypto Bubbles

NEARs KI-Upgrades rücken in den Fokus des Marktes

Zu den größten Überraschungen der Rally gehörte NEAR. Trotz der seit Jahren KI-freundlichen Positionierung zweifelten einige Beobachter daran, ob die Blockchain tatsächlich entscheidende Vorteile für KI-Anwendungen bietet, die über die üblichen Programmiermöglichkeiten klassischer Smart-Contract-Netzwerke hinausgehen.

Der jüngste starke Kursanstieg von NEAR fiel mit einer Reihe von Ankündigungen zwischen dem 20. und 22. Mai zusammen, die sich auf Datenschutz, KI-Infrastruktur und Skalierbarkeit des Netzwerks konzentrierten. Das auf der NEAR-Infrastruktur aufgebaute Krypto-Startup Trezu stellte vertrauliche Treasury-Tools für private Multisig-Koordination und unternehmensübergreifende Cross-Chain-Zahlungen über mehr als 35 Blockchains hinweg vor. Darüber hinaus präsentierte NEAR AI eine automatische Anonymisierung personenbezogener Daten (PII), die sensible Prompt-Daten verschleiern soll, bevor diese Modelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini erreichen. Ziel ist es, eines der größten Risiken bei der Einführung von KI in Unternehmen zu adressieren: Datenlecks und Datenschutzprobleme.

Ein weiterer Kurstreiber war das geplante Dynamic-Resharding-Upgrade für Juni 2026. Dadurch soll das Netzwerk seine Shards automatisch aufteilen können, sobald die Nutzung steigt. Theoretisch würde dies einen deutlich höheren Datendurchsatz ermöglichen, ohne dass eine manuelle Koordination erforderlich wäre.

Parallel dazu warb NEAR-Mitgründer Illia Polosukhin weiter für die Vision eines „agentischen Handels“, bei dem autonome KI-Agenten mithilfe einer Intent-basierten Infrastruktur On-Chain-Transaktionen durchführen. Auf X schrieb er: „… wir werden uns darauf konzentrieren, NEAR zum Zuhause einer nutzereigenen KI zu machen. Wir brauchen KI, die Datenschutz und digitale Souveränität der Nutzer optimiert. Die NEAR Foundation verpflichtet sich dazu, KI-Infrastrukturprojekte auf Basis von NEAR zu fördern und zu finanzieren – darunter Rechen- und Inferenzlösungen, Datenkuratierung und Vergütung von Creatives, Crowdsourcing- und synthetische Datenmarktplätze, agentische Infrastruktur und mehr …“

Arthur Hayes, Mitgründer der Kryptobörse BitMEX, erklärte kürzlich im Podcast „The Rollup“, dass NEAR innerhalb des nächsten Jahres ein Aufwärtspotenzial von dem 20-Fachen besitzen könnte. Er verwies dabei auf „NEAR Intents“, wodurch KI-Agenten Vermögenswerte zwischen verschiedenen Blockchains bewegen können, ohne Brücken, fragmentierte Liquidität oder mehrere Wallets nutzen zu müssen.

Die Rückkehr narrativgetriebener Märkte?

Die jüngste Rally unterstreicht zugleich einen breiteren Wandel an den Kryptomärkten. Anders als in früheren Zyklen, in denen Liquidität oft wahllos in tausende spekulative Token floss, konzentrieren sich Investoren zunehmend auf Sektoren, die reale Nutzung, Venture-Capital-Investitionen und langfristige Infrastrukturnachfrage anziehen können.

KI steht derzeit im Zentrum dieser Aufmerksamkeit. Das Narrativ vereint mehrere Themen, die Anleger bereits gut kennen: Knappheit von Rechenleistung, Automatisierung, Dateneigentum, Datenschutz und dezentrale Infrastruktur. Im Kryptobereich überschneiden sich diese Ideen auf natürliche Weise mit Blockchains, Token-Anreizsystemen und erlaubnisfreien Netzwerken.

Ob daraus jedoch ein nachhaltiger KI-Altcoin-Zyklus entsteht oder lediglich eine weitere kurzfristige Spekulationswelle, dürfte letztlich weiterhin von Bitcoin abhängen. Historisch betrachtet entwickelt sich eine starke Outperformance von Altcoins meist erst dann, wenn sich die Volatilität von BTC stabilisiert und die Marktteilnehmer wieder mehr Risikobereitschaft zeigen.