ABB ist die Geschichte eines Erfolgs, der um die Jahrtausendwende beinahe zum Albtraum geworden wäre. Zu schnell, zu stark, zu hoch gewachsen, stand das Unternehmen kurz vor dem Kollaps, bevor eine radikale Neuausrichtung folgte, die zwischen 1995 und 2005 zu einer Halbierung der Belegschaft führte. Heute konzentriert sich ABB auf drei Kernbereiche: Elektrifizierung, Antriebstechnik und Automatisierung – Geschäftsfelder, die perfekt zu den aktuellen Anforderungen passen.

Nach Jahren der Restrukturierung hat sich der schweizerisch-schwedische Konzern als führender Akteur etabliert. Unter der Leitung von Björn Rosengren hat ABB seine Profitabilität deutlich verbessert und das Vertrauen der Investoren zurückgewonnen. Dass sich der Konzern nun wieder seinen historischen Höchstständen nähert, ist jedoch nicht allein durch die vergangenen Anstrengungen erklärbar.

Die goldene Gans

Einmal mehr gibt die KI das Tempo des industriellen Wandels vor. Die Stromversorgung von Rechenzentren ist mittlerweile ein zentraler Engpass. In den USA explodiert die Nachfrage: Die Auftragseingänge des Konzerns legten im ersten Quartal 2026 um 67% zu. Mit Lieferzeiten von 12 bis 24 Monaten und einem um 22% gestiegenen Auftragsbestand verfügt ABB über eine solide Visibilität für die kommenden Ergebnisse.

Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur dürfte sich der Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln. Als Anbieter entsprechender Infrastruktur ist ABB ein klarer Profiteur dieser Entwicklung. Der gleiche Rückenwind hat auch Schneider Electric getragen – die Kursentwicklungen beider Unternehmen verlaufen seit fünf Jahren nahezu synchron.

Parallel dazu verzeichnete die Sparte „Motion“ einen Anstieg der Auftragseingänge um 9%. Die Automatisierung wuchs mit 5% moderater, wird jedoch von einer robusten Nachfrage im maritimen Bereich und in Häfen getragen.

Diese Dynamik darf jedoch eine zentrale Herausforderung nicht überdecken.

Der Preis des Erfolgs

Es geht nicht darum, die operative Stärke oder die Ergebnisse von ABB infrage zu stellen. Vielmehr rückt die Bewertung zunehmend in den Fokus der Investoren. Die zuvor erwähnte Restrukturierung hat Margensteigerungen und Kosteneffizienz bereits weitgehend ausgereizt. Die Begeisterung des Marktes für die strategische Position des Unternehmens in der Lieferkette von Rechenzentren hat ihr Übriges getan.

Die entscheidende Frage lautet nun: Welche Wachstumstreiber bleiben noch? Der Anstieg der Umsätze im Bereich KI-Infrastruktur scheint weitgehend eingepreist, während zusätzliche Effizienzpotenziale begrenzt sind. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 27x ist nicht per se problematisch, doch für ein Industrie-Konglomerat bedeutet ein solches Bewertungsniveau eine sehr geringe Fehlertoleranz. Analysten erwarten in den kommenden Jahren eine Seitwärtsbewegung beim Gewinn je Aktie – was darauf hindeutet, dass ein Großteil des Aufwärtspotenzials bereits im Kurs enthalten ist.

Bleibt die Zugehörigkeit zur großen KI-Erzählung, die derzeit ganze Bewertungsmultiplikatoren verschiebt. Sie ist der zentrale Treiber der Aktienperformance – ceteris paribus. Wer ABB auf diesem Niveau kauft, setzt letztlich auf die Fortsetzung eines technologischen Superzyklus.