Einer der vermeintlichen Vorteile von KI liegt in der Steigerung der Produktivität. Nach klassischer Wirtschaftstheorie stärkt eine solche Verbesserung das potenzielle Wachstum und reduziert die relative Last der Staatsverschuldung. Einige Ökonomen gehen sogar davon aus, dass ein kleiner, aber dauerhafter Produktivitätsschub die langfristigen Renditen deutlich senken könnte. UBS verweist in einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Strategienotiz darauf, dass ein nachhaltiger jährlicher Produktivitätsgewinn von 10 Basispunkten in bestimmten Modellen die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen um 70 Basispunkte drücken könnte.
Auf dem Papier klingt die Mechanik überzeugend: mehr Produktivität, höhere künftige Staatseinnahmen, weniger fiskalischer Druck – und damit niedrigere Zinsen. Doch die Märkte leben nicht in Gleichungen.
Seit 2025 haben die aufeinanderfolgenden Veröffentlichungen führender KI-Modelle – von OpenAI, Google, Anthropic, xAI, Meta oder DeepSeek – keine nennenswerte Entspannung bei den Renditen amerikanischer Staatsanleihen ausgelöst. Das ist bemerkenswert, denn genau solche Markteinführungen gelten als potenzielle Katalysatoren für Optimismus hinsichtlich künftiger Produktivitätsgewinne.
Entgegen den Erwartungen eines technologischen Euphorie-Szenarios sind die Renditen rund um diese Ankündigungen nicht deutlich gefallen. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein, wie die folgende Grafik zeigt, die die Entwicklung der US-Renditen mit zehnjähriger Laufzeit (orange) und 30-jähriger Laufzeit (blau) seit der Veröffentlichung des ersten öffentlichen ChatGPT Ende 2022 abbildet.
Dasselbe Bild zeigt sich beim Abstand zwischen den Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen und den entsprechenden Swapsätzen – ein oft verwendeter Indikator für fiskalische Risiken. Auch hier gab es nach den großen KI-Ankündigungen keine spektakuläre Neubewertung des US-Haushaltsrisikos.

Entwicklung der US-Renditen mit zehnjähriger Laufzeit (orange) und 30-jähriger Laufzeit (blau) seit der Veröffentlichung des ersten öffentlichen ChatGPT Ende 2022
KI hat den Preis der Zeit noch nicht verändert
Natürlich ist KI keine ökonomische Illusion – das zeigt sich täglich. Vielmehr bedeutet dies, dass der Markt weiterhin zwischen Versprechen und Nachweis unterscheidet.
Produktivitätsgewinne brauchen Zeit, um sich in der Wirtschaft zu verbreiten: Unternehmen müssen Organisationen, Berufe, Infrastrukturen, Software und Arbeitsweisen anpassen. Vor allem aber ist KI keine kostenlose Magie. Sie erfordert massive Investitionen in Rechenzentren, Energieversorgung, spezialisierte Chips und qualifizierte Fachkräfte.
Kurzfristig können diese Anforderungen sogar inflationär wirken: höhere Nachfrage nach Strom, Halbleitern und qualifizierten Arbeitskräften in Sektoren, die ohnehin bereits angespannt sind. Die Technologie, die die Wirtschaft effizienter machen soll, könnte zunächst also neue Engpässe schaffen. Genau das scheint derzeit zu passieren.
Die Schlussfolgerung ist weniger spektakulär als die Demonstrationen der KI-Modelle, für Anleger aber umso relevanter: Die Zinsen werden weiterhin vor allem von den Faktoren der alten Welt bestimmt – Inflation, Geldpolitik, Haushaltsdefizite, Staatsanleiheemissionen und fiskalische Glaubwürdigkeit – bevor Innovationen sie grundlegend verändern.
KI wird die Wirtschaft möglicherweise tiefgreifend verändern, aber sie hat bislang nicht den „Preis der Zeit“ verändert – also den Zinssatz. Derzeit behandeln die Märkte künstliche Intelligenz eher als Option auf die Zukunft denn als unmittelbare Senkung des US-Staatsrisikos.
Der große Wendepunkt könnte jedoch noch kommen. UBS verweist darauf, dass „eine wachsende Zahl von Investoren die Ansicht teilt, dass sich die konkreten Vorteile der KI strukturell und eher früher als später sowohl in der Unternehmenswelt als auch am Arbeitsmarkt bemerkbar machen könnten“.
Das derzeit dominierende Szenario lautet daher: zunächst inflationäre Wirkung der KI, später dann deflationäre Effekte. Wie lange die erste Phase andauert, weiß allerdings niemand. Bis dahin erfüllt der Anleihemarkt weiter seine Rolle als Hüter des Tempels.





















