Berlin/Frankfurt, 06. Mai (Reuters) - Die Bundesregierung sieht die Versorgung der Bevölkerung mit Corona-Impfstoffen trotz des angekündigten Produktionsendes von BioNTech in Deutschland nicht in Gefahr. Der Wegfall könne durch andere Unternehmen kompensiert werden, sagte Vize-Regierungssprecher Sebastian Hille am Mittwoch in Berlin. Damit trat er Befürchtungen vor Engpässen im Krisenfall entgegen. Hille erklärte, bei dem Schritt von BioNTech handele es sich um eine unternehmerische Entscheidung.
Das Bundesgesundheitsministerium stützte diese Einschätzung: Die Regelversorgung werde durch Pfizer und andere Hersteller gewährleistet, teilte ein Sprecher mit. Unmittelbar negative Auswirkungen seien daher nicht zu erwarten. Zudem habe BioNTech derzeit ohnehin keine pandemisch relevanten Impfstoffe in der Entwicklung. BioNTech hatte den Umbau mit auslaufenden Verträgen und und nicht mehr voll ausgelasteten Werken begründet. Das Unternehmen will Kosten sparen, um die Entwicklung von Krebsmedikamenten voranzutreiben.
Ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums erklärte, man stehe mit BioNTech in Kontakt. Die Regierung gehe davon aus, dass sich der Konzern an die Vereinbarungen mit dem Bund zur Übernahme des Tübinger Rivalen CureVac halte. Laut Bundeswirtschaftsministerium hatte BioNTech unter anderem zugesagt, dass das zusammengeschlossene Unternehmen bis Ende 2027 eine substantielle Präsenz in Tübingen aufrechterhält.
Zuvor hatte es Kritik an dem Aus für die deutsche Covid-Impfstoffproduktion gegeben. "Wir haben in der Covid-Pandemie gesehen, dass eine rein betriebswirtschaftliche Wahl von Produktionsstätten für Impfstoffe im Krisenfall zu Versorgungsengpässen führen kann", sagte der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien, der Nachrichtenagentur Reuters. Die Bundesregierung sollte Dullien zufolge prüfen, ob auch ohne BioNTech ausreichend Kapazitäten in Deutschland und den europäischen Nachbarstaaten verfügbar seien. "Grundsätzlich stellt sich hier die Frage, ob die Einzelentscheidungen von Unternehmen die Resilienzanforderungen Deutschlands ausreichend berücksichtigen", sagte der Experte.
BioNTech hatte am Dienstag angekündigt, fast alle heimischen Produktionsstandorte zu schließen und bis zu 1860 Stellen zu streichen. Die Covid-Impfstoffherstellung soll komplett an den US-Partner Pfizer übertragen werden. Für die betroffenen Standorte prüft BioNTech auch einen Verkauf, um den Stellenabbau möglichst abzufedern. Geschlossen werden die Werke in Idar-Oberstein, Marburg und Singapur sowie die CureVac-Standorte. Die Schließungen sollen bis Ende 2027 abgeschlossen sein. BioNTech behält in Deutschland neben dem Hauptsitz in Mainz lediglich die Bürostandorte Berlin und München.
CureVac-Gründer Ingmar Hoerr warf BioNTech unterdessen Täuschung vor. Die geplante Schließung des Standorts Tübingen kurz nach der Übernahme sei "fast schon Trickserei", sagte Hoerr der Nachrichtenagentur dpa. Er vermute, dass BioNTech mit dem Kauf lediglich Patentstreitigkeiten umgehen wollte. Ursprünglich sei der Aufbau eines gemeinsamen Unternehmens vereinbart gewesen.
BioNTech hatte CureVac Ende 2025 für rund 1,25 Milliarden Dollar übernommen. Beide Firmen gelten als Pioniere der mRNA-Technologie. BioNTech brachte mit dem Partner Pfizer in der Pandemie den weltweit ersten zugelassenen Corona-Impfstoff auf den Markt und verdiente Milliarden. CureVac scheiterte dagegen mit seinem Vakzin an einer zu geringen Wirksamkeit. Das Tübinger Unternehmen geriet in finanzielle Schwierigkeiten und musste Teile seiner Forschungspipeline verkaufen. Zudem überzog CureVac den Mainzer Konkurrenten mit Patentklagen. Der Kauf durch BioNTech beendete diese Streitigkeiten und wurde vom Bundeswirtschaftsministerium damals als Entstehung eines neuen deutschen Biotech-Champions gefeiert.
(Bericht von Rene Wagner, Markus Wacket und Patricia Weiß, unter Mitarbeit von Ludwig Burger, redigiert von Kirsti Knolle. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)



















