Berlin, 02. Jun (Reuters) - Der Ölpreisanstieg wegen des Iran-Kriegs treibt die Inflation im Euroraum weiter nach oben und dürfte so für eine baldige Zinserhöhung der EZB sorgen. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich im Mai um durchschnittlich 3,2 Prozent zum Vorjahresmonat, wie das EU-Statistikamt Eurostat am Dienstag mitteilte. Das ist der höchste Stand seit September 2023. Von Reuters befragte Experten hatten damit gerechnet. Im April war die Inflation bereits auf 3,0 Prozent geklettert. Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht sich mit einem starken Preisauftrieb konfrontiert. Sie hält eine Teuerung von 2,0 Prozent mittelfristig für ideal für die Konjunktur. "Die EZB ist bereits auf dem Sprung, die Leitzinsen in der nächsten Woche anzuheben", sagte Chefvolkswirt Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank.

Für den Inflationsschub sorgte erneut vor allem Energie, die binnen Jahresfrist 10,9 Prozent mehr kostete. Auch Dienstleistungen verteuerten sich mit 3,5 Prozent überdurchschnittlich. Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak kosteten zwei Prozent mehr als vor einem Jahr.

ZWEITRUNDENEFFEKTE ERWARTET - "ALARMBEREITSCHAFT DER EZB"

"Die Energiepreise sind und bleiben der Spielverderber bei der Inflation", sagte Analyst Krüger. "Es sieht weiter so aus, dass die Drei vor dem Komma in diesem Jahr nicht mehr verschwindet." Daran dürfte sich auch nichts ändern, wenn der Iran-Krieg bald enden sollte. Die höheren Kosten würden sich auf immer mehr Ausgabenkategorien ausweiten. "Zweitrundeneffekte sind also unterwegs, sie steigern die Alarmbereitschaft der EZB."

Die Teuerung dürfte noch viele Monate über drei Prozent liegen, sofern die für die Energieversorgung so wichtige Straße von Hormus wider Erwarten nicht schnell wieder für den Schiffsverkehr geöffnet werde, erklärte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. "Für eine anhaltend hohe Inflation spricht auch, dass Umfragen zufolge immer mehr Unternehmen die gestiegenen Energiekosten an ihre Kunden weitergeben." Zudem hätten die langfristigen Inflationserwartungen der Verbraucher spürbar angezogen. "Der EZB bleibt nichts anderes übrig, als ihre Leitzinsen auf der Sitzung nächste Woche anzuheben", bilanzierte Krämer. "Vermutlich dürfte sie nach der Sommerpause erneut erhöhen."

EZB DÜRFTE 2026 NICHT NUR IM JUNI GELDPOLITIK STRAFFEN

Laut EZB-Chefin Christine Lagarde ist die Zentralbank bereit zu handeln, wenn es die Datenlage erfordert. Am 11. Juni entscheiden die Währungshüter erneut über ihre Geldpolitik. "Aus heutiger Sicht halte ich eine Zinserhöhung im Juni für nötig", sagte jüngst EZB-Direktorin Isabel Schnabel in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters. Die deutsche Top-Ökonomin fügte hinzu, dass sich die EZB allerdings niemals vorab festlege. Der Schock arbeite sich jedoch durch die Wirtschaft und treibe die Inflation über "einen beträchtlichen Zeitraum" vom Zielwert der Notenbank von 2,0 Prozent weg, betonte sie.

Die EZB hatte zuletzt ihren Leitzins, den Einlagensatz, mehrfach bei 2,0 Prozent belassen. Die weitgehend erwartete Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte bei der nächsten Sitzung wäre die erste, aber wohl nicht die letzte in diesem Jahr. Schnabel äußerte sich zwar nicht konkret zu weiteren Zinsschritten für 2026, räumte aber ein: "Was ich sagen kann, ist, dass bereits das Basisszenario, das wir im März hatten, zwei Zinserhöhungen berücksichtigte."

(Bericht von Klaus Lauer und Rene Wagner, redigiert von Christian Götz. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)