Die zweiwöchige Waffenruhe von US-Präsident Donald Trump mit dem Iran wird der globalen Luftfahrtindustrie voraussichtlich keine schnelle Entlastung bringen, erklärten Branchenvertreter am Mittwoch. Zuvor waren die Aktienkurse der Fluggesellschaften in der Hoffnung gestiegen, dass das Abkommen die schwerste Krise der Branche seit Jahren entschärfen könnte.

Branchenexperten warnten, dass die Versorgung mit Kerosin trotz einer möglichen Wiederöffnung der Strasse von Hormus durch den Iran monatelang knapp und teuer bleiben wird, da die Raffineriekapazitäten im gesamten Nahen Osten beschädigt wurden.

"Sollte die Strasse von Hormus wieder geöffnet werden und offen bleiben, wird es meines Erachtens dennoch Monate dauern, bis das Angebot angesichts der Unterbrechungen der Raffineriekapazitäten im Nahen Osten wieder das erforderliche Niveau erreicht", warnte Willie Walsh, Generaldirektor des internationalen Luftfahrtverbandes IATA.

Delta Air Lines prognostizierte am Mittwoch für das zweite Quartal einen niedrigeren Gewinn als erwartet und kündigte Kapazitätskürzungen an, um die für diesen Zeitraum erwarteten Treibstoff-Mehrkosten von rund 2 Milliarden Dollar aufzufangen. Die Fluggesellschaft rechnet im Juni-Quartal mit einem Kerosinpreis von etwa 4.30 Dollar pro Gallone, was mehr als einer Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr entspricht.

ÖLPREISE FALLEN NACH WAFFENRUHE-ABKOMMEN

Treibstoff ist nach den Personalkosten in der Regel der zweitgrösste Kostenfaktor der Fluggesellschaften und macht etwa 27% der Betriebsausgaben aus. Die Kerosinpreise haben sich seit Ausbruch des Konflikts mehr als verdoppelt und damit den Anstieg der Rohölpreise von rund 50% vor der Waffenruhe weit übertroffen.

Die Sperrung der Strasse von Hormus durch den Iran schnitt die weltweite Treibstoffversorgung ab und zwang die Fluggesellschaften dazu, die Ticketpreise zu erhöhen, Flüge zu streichen, Zwischenstopps zum Auftanken einzulegen und zusätzlichen Treibstoff mitzuführen. Einige Fluggesellschaften haben ihre Verbindungen vom und zum Golf - einem wichtigen Luftfahrt-Drehkreuz zwischen Europa und Asien - unter Hinweis auf Sicherheitsbedenken eingestellt.

Der Ölpreis fiel unter 100 Dollar pro Barrel, nachdem Trump erklärt hatte, er habe einer zweiwöchigen Waffenruhe mit dem Iran zugestimmt, sofern die Meerenge sofort und sicher wieder geöffnet werde.

Die Kommentare von Führungskräften und Experten aus der gesamten Branche verdeutlichen jedoch die zunehmende Belastung für die Fluggesellschaften, die mit einer Verdoppelung der Kerosinpreise und Sorgen über Versorgungsengpässe konfrontiert sind.

Europäische Fluggesellschaften arbeiten mit Lieferanten und Flughäfen zusammen, um die Kerosinbestände zu bewerten, so die Lobbygruppe Airlines for Europe - zu deren Mitgliedern Ryanair, Lufthansa und die British Airways-Mutter IAG gehören. Es sei noch "zu früh, um zu sagen", wie schnell sich das Angebot erholen könnte.

Eine EU-Koordinierungsgruppe für Öl erkärte nach einem Treffen am Mittwoch, sie sehe kein unmittelbares Risiko für die Ölversorgung im April.

Trotz der angekündigten Waffenruhe hielten die Angriffe auf die Golfstaaten an. Die kuwaitische Armee teilte mit, sie sehe sich seit dem frühen Mittwoch verstärkten iranischen Angriffen ausgesetzt.

Drohnenangriffe verursachten erhebliche Sachschäden an der Ölinfrastruktur, an Kraftwerken und Entsalzungsanlagen. Die Vereinigten Arabischen Emirate erklärten, sie hätten mit iranischen Raketen- und Drohnenangriffen zu kämpfen, während Bahrain mitteilte, dass ein iranischer Angriff Häuser im Gebiet von Sitra beschädigt habe.

LUFTFAHRTAKTIEN STEIGEN, ABER ERHOLUNG DES TOURISMUS WIRD ZEIT BRAUCHEN

Trotz der Turbulenzen legten die Aktien von Fluggesellschaften und Reiseunternehmen in der Erwartung zu, dass die Waffenruhe einen Wendepunkt markieren könnte. Die Aktien von Qantas sprangen um mehr als 9% nach oben, Air New Zealand stiegen um über 4%, Cathay Pacific gewannen 5% und IndiGo kletterten um 8%.

In Europa legten TUI um mehr als 12% zu, Air France-KLM stiegen um rund 14%, Lufthansa gewannen etwa 11% und Wizz Air legten um 10% zu und entwickelten sich damit besser als der breite Aktienmarkt. Auch die Aktien der US-Fluggesellschaften verzeichneten Gewinne.

Während die Unterbrechung der Kerosinversorgung weiterhin ein Risiko darstellt, bot die Waffenruhe eine "Kaufgelegenheit für Qualitäts-Airlines", so die Analysten von Panmure Liberum in einer Notiz.

Der Tourismus steht jedoch ebenfalls vor einer langen Erholung. TUI erklärte, dass zwei seiner Kreuzfahrtschiffe, die seit Beginn des Konflikts in Abu Dhabi und Doha festsitzen, mindestens vier Wochen benötigen würden, um den Betrieb wieder aufzunehmen, sobald die Bedingungen dies zulassen.

Selbst wenn die wichtigsten Transitknotenpunkte wieder geöffnet werden, könnte die 367 Milliarden Dollar schwere Tourismusindustrie im Nahen Osten im besten Fall Monate brauchen, um sich zu erholen, sagte Aaron Goldring, Ökonom bei Oxford Economics.

"Man hat im Grunde eine Nachlaufzeit von etwa sieben Monaten nach einer Waffenruhe, in der die Stimmung beeinträchtigt bleibt", sagte Goldring, "da die Wahrnehmung von Sicherheit nur sehr allmählich zurückkehrt."