Um die Hintergründe der Manöver der vergangenen Jahre rund um Generali zu verstehen, muss man zunächst die Figur von Francesco Gaetano Caltagirone einordnen. Der italienische Magnat, dessen Vermögen 2025 dank der Entwicklung seiner Baugruppe Cementir auf fast 8 Milliarden Euro gestiegen ist, beschränkt sich nicht auf die Baubranche. Er kontrolliert zudem eine der meistgelesenen Tageszeitungen des Landes sowie lokale Blätter, die offen der konservativen Regierung von Giorgia Meloni nahestehen.

Seit langem will er die Hand auf Generali legen, den Versicherungsgiganten und einen zentralen Akteur bei der Finanzierung des italienischen Staates. Eine strategische Kontrolle, die seinen industriellen Interessen unmittelbar zugutekäme, weil der Versicherer zu den bedeutenden Investoren im italienischen Immobilienmarkt zählt. Doch da sein Vermögen nicht ausreicht, um ein Übernahmeangebot zu stemmen, wählt Caltagirone einen anderen Weg: den Machtgewinn von innen heraus.

Ein Einflusskrieg im Verwaltungsrat

Seit mehreren Jahren versucht er, den Verwaltungsrat zu dominieren, indem er eigene Listen für Verwaltungsratsmandate aufstellt – in Opposition zum amtierenden CEO Philippe Donnet. 2025 wurde dieser dank der Unterstützung von Mediobanca, dem größten Generali-Aktionär mit 13 %, erneut bestätigt. Den Ausschlag gaben ausländische Investmentfonds, die sehr genau wissen, dass eine mögliche Politisierung des Konzerns aus Aktionärssicht kein gutes Omen wäre.

Doch womöglich ist es bereits zu spät. Philippe Donnet und Natixis mussten ihr Projekt einer Allianz im Asset-Management aufgeben, das ein europäisches Schwergewicht mit rund 1.900 Milliarden Euro verwaltetem Vermögen hätte schaffen können. Die italienische Regierung hatte sich entschieden dagegen gestellt – aus Sorge vor einem möglichen Kontrollverlust über die Ersparnisse der Italiener, die in großem Umfang in nationale Anleihen investiert sind.

Ein Spiel der Allianzen

Caltagirone kann auf eine strategische Allianz mit der Familie Del Vecchio zählen. Vor allem Leonardo, der vor einigen Jahren verstorben ist und als Gründer von Luxottica gilt. Sein Erbe wirkt über die Familienholding Delfin fort, die von Francesco Milleri geführt wird, zugleich CEO von EssilorLuxottica.

Gemeinsam halten sie 17 % am Kapital von Generali. Dieses Duo kontrolliert zudem fast ein Drittel von Banca Monte dei Paschi di Siena (MPS), die soeben die Kontrolle übernommen hat … über Mediobanca.

Damit wird das Bündnisspiel auf einmal sehr klar. Setzen sich die beiden bei MPS durch, könnten sie den wichtigsten Unterstützer von Philippe Donnet aushebeln – und so über Bande den Weg zu einer Kontrolle von Generali öffnen. Caltagirone und seine Verbündeten halten inzwischen ein Drittel des Kapitals des Versicherers.

Meloni: Zuschauerin oder Nutznießerin?

Für Giorgia Meloni ist diese Neuordnung der Finanzkräfte alles andere als belanglos. Die Financial Times erinnert an die Narben ihres damaligen Regierungsengagements unter Berlusconi, mitten in der Eurozonenkrise. Bis heute will sie, dass italienische Staatsschulden in den Händen nationaler Investoren bleiben, um das Risiko von Kapitalabflüssen zu begrenzen.

Einen Verbündeten an der Spitze von Generali zu haben – einem der größten Käufer öffentlicher Anleihen – wäre ein Glücksfall. Zumal sie während ihrer Amtszeit die Sanierung der öffentlichen Ausgaben zum politischen Leitmotiv erhoben hat.

Spread zwischen deutschen und italienischen Staatsanleihen (Quelle: TradingView)

Giorgia Meloni wurde am 22. Oktober 2022 Ministerpräsidentin. 

Eine Zusammenarbeit zwischen Caltagirone und Meloni könnte das Engagement des Versicherers in italienischen Staatsanleihen erhöhen.

Ein Plan, der zu perfekt ist?

Obwohl Francesco Caltagirone wohl nie näher daran war, den CEO von Generali zu stürzen und einen Vertrauten zu installieren, sind Gegenwinde aufgekommen, die diesem Plan ein Ende setzen könnten.

Zunächst richtet sich nun eine justizielle Untersuchung gegen Caltagirone, den MPS-CEO Luigi Lovaglio und Francesco Milleri. Im Kern geht es um den Vorwurf der Kollusion im Zusammenhang mit der Übernahme von Mediobanca.

Belastende Abhörprotokolle nähren den Verdacht. Die Financial Times berichtet, dass Lovaglio in einem dieser Gespräche zu Caltagirone gesagt habe: „Du warst der wahre Architekt, ich habe nur die Mission ausgeführt … Du hast dir etwas Perfektes ausgedacht, also Glückwunsch zu dieser Idee.“

Die zweite Gefahr sind die Beteiligungen von Leonardo Del Vecchio außerhalb von EssilorLuxottica. Francesco Milleri sucht nach Käufern; Unicredit wurde in den Medien dieser Woche als potenzieller Interessent genannt.

Die juristische Affäre rund um einzelne Holding-Mitglieder steht sehr wahrscheinlich mit diesem Vorhaben in Verbindung, betont Alphavalue.

Trotz dieser Gegenwinde schreibt die Financial Times, selbst die entschlossensten Verfechter der Unabhängigkeit von Generali räumten ein, dass Caltagirone am Ende triumphieren könnte. Nicht mit Gewalt, sondern über geduldigen Einfluss im Verwaltungsrat.