„Der Nachruf auf den USD wurde schon vielfach geschrieben – mit zunehmender Frequenz im vergangenen Jahr. Jedes Mal behauptet eine neue Welle von Analysen, die Entdollarisierung beschleunige sich, die Welt ordne ihr Finanzsystem neu und die Vorherrschaft des Greenback gehe zu Ende“, betont sie.
Die sogenannte Petrodollar-These lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die globale Dominanz des USD beruht zu einem großen Teil darauf, dass der weltweite Ölhandel in USD fakturiert wird. „Diese Konstellation geht auf das 1974 geschlossene Petrodollar-Abkommen zwischen den USA und Saudi-Arabien zurück, das die Ölpreisbildung in USD mit amerikanischen Sicherheitsgarantien verknüpfte. Da Öl im Zentrum der globalen Industrieproduktion steht, stützte dieses Arrangement die USD-Nachfrage im gesamten internationalen Handelssystem – weit über den Energiesektor hinaus“, erläutert die Analystin.
Sie verweist anschließend auf eine Analyse der Deutschen Bank, wonach dieses System zunehmend erodiere: 85 % der Rohölexporte aus dem Nahen Osten gingen mittlerweile nach Asien statt in die USA; Saudi-Arabien baue im Rahmen seiner Vision-2030-Strategie eigene Verteidigungskapazitäten auf; iranische Ölexporte würden im Zuge von Abkommen mit China zunehmend in Renminbi abgerechnet. Zudem habe der Krieg im Iran die Instabilität in der Region verstärkt und damit die Sicherheitsarchitektur geschwächt.
„Nach dieser Lesart würde der Ölhandel künftig verstärkt in anderen Währungen als dem USD abgewickelt, was dessen Niedergang unausweichlich mache. Meines Erachtens greift diese Argumentation jedoch zu kurz“, so Desai. Tatsächlich werde die Kausalität teilweise verkehrt: Öl werde nicht nur deshalb in USD gehandelt, weil die USA lange als „Weltpolizist“ fungiert hätten. Vielmehr hätten Ölproduzenten ein eigenes Interesse daran, in USD bezahlt zu werden – aufgrund des Zugangs zu den tiefsten und liquidesten Kapitalmärkten der Welt, eingebettet in ein institutionelles und rechtliches Umfeld, das Eigentumsrechte schützt und die Vertragserfüllung sicherstellt.
Drei zentrale Pfeiler tragen diese Dominanz
Der erste Pfeiler ist die Größe und Dynamik der US-Wirtschaft. Die USA stehen für rund 25 % des globalen Bruttoinlandsprodukts zu Marktwechselkursen und bleiben die wichtigste Destination internationaler Kapitalströme. „Trotz hoher Verschuldung und fiskalischer Risiken, die ich durchaus ernst nehme, hat das nominale Wachstum in den USA ausländischen Investoren regelmäßig attraktive Renditen ermöglicht“, so Desai.
Der zweite Pfeiler ist die institutionelle Glaubwürdigkeit. Die Federal Reserve zählt zu den vertrauenswürdigsten Zentralbanken weltweit, und das US-Rechtssystem gewährleistet die Durchsetzung von Verträgen. Laut einem Bericht der Europäischen Zentralbank zum internationalen Stellenwert des Euro (2025) wird die Eurozone trotz Fortschritten weiterhin durch fragmentierte Kapitalmärkte und das Fehlen eines einheitlichen sicheren Anlageuniversums vergleichbar mit US-Staatsanleihen eingeschränkt.
Der dritte Pfeiler ist die unübertroffene Markttiefe. „Ein Währungsreserveverwalter in Riad oder Neu-Delhi, der kurzfristig 50 Mrd. USD anlegen möchte, hat faktisch nur eine realistische Option: USD-Märkte“, erklärt die Analystin. Der Renminbi könne solche Volumina nicht absorbieren, da Chinas Kapitalverkehrskonto weitgehend geschlossen sei, RMB-Anlagen nur eingeschränkt konvertierbar seien und das Rechtssystem nicht dieselben Garantien biete wie die US-Märkte.
Dominanz bleibt trotz Gegenwind bestehen
Desai kommt zu dem Schluss, dass „die meisten Prognosen über den Niedergang des USD scheitern“. Zwar verweisen einige Beobachter auf Schwächen der US-Wirtschaft oder darauf, dass die geopolitische Nutzung des USD-Finanzsystems andere Länder zur Diversifizierung veranlasse. Andere sehen in der aktuellen US-Politik eine Belastung für die institutionelle Stabilität. Doch selbst wenn diese Argumente teilweise zutreffen, verändern sie aus ihrer Sicht nicht die grundlegenden Kräfteverhältnisse.
Ein Blick auf die vier Kernfunktionen einer Reservewährung untermauert diese Einschätzung: Laut IWF-Daten zur Zusammensetzung der globalen Währungsreserven (COFER) für das vierte Quartal 2025 – bei Gesamtreserven von 13.140 Mrd. USD – entfallen rund 57 % auf den USD, gegenüber 20 % auf den EUR und 2 % auf den Renminbi. Zwar liegt der USD-Anteil unter dem Höchststand von etwa 72 % im Jahr 1999, bleibt aber klar dominierend.
Im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr ist der Anteil des USD laut Fed-Auswertungen auf Basis von SWIFT-Daten von 31,8 % im Jahr 2010 auf rund 50 % Anfang 2026 gestiegen, während der EUR von 40,4 % auf 22,8 % zurückgefallen ist. In der Handelsfinanzierung ist die Konzentration noch ausgeprägter: Der Anteil des USD liegt laut SWIFT Global Currency Tracker (März 2026) bei etwa 82 %.
Auch an den Devisenmärkten dominiert der USD klar: Laut der dreijährlichen Erhebung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (2025) ist er an 89 % der außerbörslichen Transaktionen beteiligt, während der Renminbi lediglich auf 8,5 % kommt.
Der Markt für US-Staatsanleihen – das größte Reservoir sicherer Anlagen weltweit – erreichte im Februar 2026 ein Volumen von 30.600 Mrd. USD, bei einem durchschnittlichen täglichen Handelsvolumen von rund 1.290 Mrd. USD, so die Securities Industry and Financial Markets Association. Kein anderer Staatsanleihemarkt kommt auch nur annähernd an diese Größenordnung heran.
Für Sonal Desai steht daher fest: „Dies sind keine Kennzahlen einer Währung im Niedergang, sondern die einer Währung, die lediglich mit moderatem Gegenwind konfrontiert ist – einem Gegenwind, der seit zwei Jahrzehnten besteht, ohne einen grundlegenden Wandel auszulösen.“



















