Historisch betrachtet sind Anleihen der Fallschirm, der sich öffnet, wenn Aktien abstürzen. Doch 2022 geriet dieser Mechanismus ins Stocken. Mit der Rückkehr der Inflation verloren Anleihen ihre Funktion als Puffer und entwickelten sich zeitweise zum Ballast.
Zwischen den 1970er-Jahren und 2020 – einer Phase strukturell sinkender Zinsen – war die Korrelation zwischen Aktien und Anleihen negativ (im Schnitt etwa -0,4). In diesem Umfeld lieferte die klassische Aufteilung von 60 % Aktien und 40 % Anleihen die erwarteten Ergebnisse.
Wenn sich die Konjunktur abschwächt und Aktien nachgeben, senken die Zentralbanken üblicherweise die Zinsen. In der Folge steigen die Anleihekurse. Im Krisenjahr 2008, der schwächsten Börsenphase seit drei Jahrzehnten, brach der S&P 500 um -37 % ein, während US-Staatsanleihen um 14 % zulegten. Der defensive Portfolioteil erfüllte seine Aufgabe.
Der Diskontsatz als entscheidende Größe
Mit der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine änderte sich das Umfeld grundlegend. Lieferketten gerieten aus dem Gleichgewicht, die Nachfrage überstieg das Angebot, Energiepreise schossen in die Höhe – und die Inflation kehrte mit Wucht zurück. Die Zentralbanken reagierten nicht mehr mit Zinssenkungen zur Stützung der Wirtschaft, sondern mit deutlichen Erhöhungen, um den Preisdruck einzudämmen. Teilweise mussten sie besonders aggressiv vorgehen, da sie zuvor zu zögerlich agiert hatten – Stichwort „vorübergehende Inflation“.
Im Zentrum steht dabei eine zentrale Variable: der Diskontsatz. Steigende Zinsen verringern bei Aktien den heutigen Wert zukünftiger Cashflows. Bei Anleihen hingegen führen sie unmittelbar zu Kursverlusten auf bereits emittierte Titel.
Der Wendepunkt für die 60/40-Strategie kam 2022. Die Inflation in den USA überschritt 9 %, die Fed hob ihren Leitzins binnen zehn Monaten von 0 auf über 4 % an. Die Folge: Der S&P 500 verlor -19 %, der Nasdaq 100 sogar -33 %. Anders als 2008 gaben jedoch auch die Anleihen nach: Der Bloomberg US Aggregate Index fiel um -13 %. Das 60/40-Portfolio verzeichnete damit seine schwächste Entwicklung seit fast einem Jahrhundert. Technisch gesprochen drehte die Korrelation zwischen Aktien und Anleihen ins Positive (+0,6) – beide Anlageklassen fielen gleichzeitig.
Konkrete Auswirkungen
Die Stärke eines klassischen „Vermögensverwaltungsportfolios“ liegt in seiner Fähigkeit, bei moderatem Risiko stabile Renditen zu liefern. Der Anleiheanteil von 40 % hat in früheren Börsencrashs Verluste wirksam abgefedert. Doch dieser Schutz ist ambivalent.
Anleihen mit sehr geringem Risiko bieten naturgemäß niedrigere Renditen als risikoreichere Anlagen. Ein traditionelles 60/40-Portfolio bedeutet daher, dass 40 % des Kapitals selbst unter günstigen Bedingungen lediglich 1 % bis 5 % Rendite erwirtschaften – was in Wachstumsphasen die Gesamtperformance deutlich bremst.
Das Anleihesegment entfaltet seine Stärke vor allem in einem Umfeld stabiler Inflation und moderater Zinsen. In den vergangenen Jahren jedoch haben sich inflationäre Schwankungen verstärkt – nach einer langen Phase relativer Preisstabilität. In einem solchen Umfeld erweist sich der klassische 40%-Anteil als weniger effizient.
Der Stresstest durch hohe Ölpreise
Der kräftige Anstieg der Ölpreise zu Beginn des Jahres 2026 und die damit verbundenen Inflationssorgen haben die Erinnerungen an 2022 wieder wachgerufen. US-Anleihen verloren im März rund -2,10 % (gemessen am iShares Core US Aggregate Bond ETF), während der S&P 500 um -5 % nachgab. Beide Anlageklassen bewegten sich somit erneut in die gleiche Richtung.
Der ETF iShares Core 60/40, der eine entsprechende Allokation abbildet, verzeichnete im gleichen Zeitraum ein Minus von -4,47 %. Es ist die schwächste Entwicklung seit September 2022, als der Fonds um -7,10 % einbrach. Der Monat März scheint dem 60/40-Modell generell wenig zuträglich: Bereits im März 2020 hatte der ETF mit -9,45 % seine schlechteste Monatsperformance des Jahrzehnts verzeichnet.

Trotz der deutlichen Verluste in inflationären Phasen stellen Analysten das Modell nicht grundsätzlich infrage. Laut Vanguard wäre erst bei einer durchschnittlichen Inflation von rund 3 % über zehn Jahre hinweg ein strukturelles Problem zu erwarten – ein Szenario, das als wenig wahrscheinlich gilt. Die Experten prognostizieren weiterhin eine überwiegend negative Korrelation von etwa -0,27 und betonen, dass die Vorteile der Diversifikation langfristig erhalten bleiben.




















