Dabei hatte alles Ende Juli zum Start an der Börse euphorisch begonnen: Der Kurs schoss in die Höhe, sank jedoch rasch wieder unter den Ausgabepreis. Die eigentliche Nagelprobe folgte nun mit den Quartalszahlen. Zwar lagen die Ergebnisse insgesamt im Rahmen der Erwartungen, doch die Prognosen enttäuschten. Das Management stellt für das Gesamtjahr ein Wachstum von 37 % in Aussicht – Analysten hatten mehr als 40 % erwartet.
Ein Unterschied von drei Punkten wirkt auf den ersten Blick gering, zumal die Dynamik nach wie vor nahe 40 % liegt. Doch bei einer Bewertung von über dem 200-Fachen der erwarteten Gewinne erwartet der Markt weit mehr als „im Rahmen der Prognosen“. Nur wer die Erwartungen übertrifft, rechtfertigt solche Multiples – andernfalls kippt die Rechnung.
An der Substanz des Unternehmens ändert diese Ernüchterung jedoch wenig. Figma bewegt sich in einem Marktumfeld mit überschaubarer Konkurrenz. Das Geschäftsfeld ist das UX/UI-Design – also die Gestaltung von Bedienabläufen und Nutzerführung von Webseiten und Apps. Im Gegensatz dazu konzentrieren sich Anbieter wie Adobe oder Canva auf grafische Gestaltung – Logos, Poster, Fotos oder Social-Media-Inhalte. Adobes Versuch, mit dem Konkurrenzprodukt Adobe XD Fuß zu fassen, scheiterte ebenso wie der Übernahmeversuch von Figma selbst. Für neue Wettbewerber sind die Eintrittsbarrieren hoch: Es braucht enorme technische Investitionen, um ein derart leistungsfähiges, kollaboratives und bereits stark verbreitetes Tool zu entwickeln.
Die Kundenbasis ist beträchtlich: 13 Millionen aktive monatliche Nutzer, 78 % der Forbes-2000-Unternehmen, aber bislang nur 450.000 zahlende Mitglieder – ein immenses Konversionspotenzial. Die Treue ist hoch, die Retentionsrate liegt deutlich über 100 %. Preissteigerungen – wie zuletzt im März – konnte Figma ohne Nachfrageeinbruch durchsetzen. Zudem nutzen über 80 % der Kunden mehrere Produkte, von Web- und App-Design über Entwickler-Tools bis hin zu Kreativ- und Kollaborationslösungen.
Ein weiterer Trumpf ist die Integration von Künstlicher Intelligenz. Die schnelle Verbreitung neuer Anwendungen und die Modernisierung bestehender Systeme machen KI zu einem zentralen Treiber im Designprozess – von der Ideenfindung bis zum Roll-out.
Figma bleibt damit klarer Marktführer in einer wachstumsstarken Nische mit begrenztem Wettbewerb. Die Margen liegen deutlich über Branchenschnitt, während die aus dem Geschäft generierten Mittel vor allem in zukünftiges Wachstum investiert werden. Der kräftige Kursrückgang mag schmerzhaft wirken – er hilft jedoch, eine zuvor kaum haltbare Bewertung auf ein tragfähigeres Niveau zurückzuführen.




















