Ferrari wollte mit seinem ersten Elektroauto ein neues Kapitel aufschlagen. Stattdessen stellte sich sofort eine deutlich brutalere Frage: Kann man für 550.000 Euro einen Toyota Prius des Jahres 2026 verkaufen, wenn man vorne einfach ein "Cavallino Rampante" draufklebt?

Dabei ist der Luce alles andere als ein gewöhnliches Fahrzeug. Mehr als 1.000 PS, von 0 auf 100 km/h in 2,5 Sekunden, fünf Sitze und angekündigte 530 Kilometer Reichweite – auf dem Papier erfüllt Ferrari sämtliche Erwartungen. Doch im Luxusautomobilbau reicht das Datenblatt allein nie aus. Vor allem dann nicht, wenn alle nur noch auf die Karosserie schauen.

Die Debatte verließ schnell Maranello und überrollte das Internet. Manche sahen darin einen Nissan Leaf auf Steroiden. Andere eine Prius-Version für Lottogewinner. Nicht gerade die Vergleiche, die Ferrari gerne in seine Hochglanzbroschüren drucken würde.

Die Beteiligung von Jony Ive, dem ehemaligen Designstar von Apple, sollte dem Modell eigentlich eine starke Signatur verleihen. Tatsächlich bewegt sich der Luce dadurch stärker in Richtung Technologie, Minimalismus und futuristischer Klarheit – weit entfernt von den klassischen Ferrari-Codes. Nicht unbedingt das, worauf die eingefleischten Tifosi gewartet hatten.

Bei Ferrari ist der Schritt zur Elektromobilität sensibler als anderswo. Einen Verbrennungsmotor aus einem Supersportwagen zu entfernen bedeutet nicht nur, den Antrieb auszutauschen. Es verändert die gesamte Atmosphäre. Wer einen Ferrari kauft, kauft auch diesen Moment, wenn morgens der Motor erwacht und der Nachbar sofort weiß, dass jemand mit sehr teurem Geschmack die Garage verlässt. Der Luce soll zwar mit künstlich erzeugtem Motorsound arbeiten, doch das Ritual bleibt nicht dasselbe. Der Nachbar schläft künftig vielleicht besser – dafür übernimmt das Internet den Lärm.

Auch an der Börse in Mailand sorgte der Luce für ordentlich Geräusche. Ferrari verlor am Dienstag 8 %, bevor sich die Aktie gestern stabilisierte. Zwar spielten Gewinnmitnahmen nach mehreren starken Sitzungen ebenfalls eine Rolle, doch der Empfang des Modells belastete klar die Stimmung. Oddo BHF spricht von einem radikalen Bruch mit der traditionellen Ferrari-Designsprache und verweist auf überwiegend negative Reaktionen unter Enthusiasten.

Das eigentliche Risiko liegt dabei weniger in den Stückzahlen. Oddo sieht den Luce als Nischenprodukt mit bis zu 1.000 Einheiten pro Jahr – also rund 7 % des Ferrari-Absatzes. Dieses Modell wird die Konzernzahlen daher kaum revolutionieren. Das Problem liegt woanders: Ein Ferrari darf selten, teuer und hochprofitabel sein – aber er muss auch begehrenswert bleiben.

Genau hier kommt die Bewertung der Aktie ins Spiel. Ferrari ist weiterhin fast 50 Milliarden Euro wert und wird mit dem etwa 29,5-fachen der erwarteten Gewinne für 2026 gehandelt – gegenüber rund 24 bei Porsche. Diese Bewertungsprämie basiert auf geringen Volumina, hohen Margen und einer extrem kontrollierten Markenidentität. Wenn das erste Elektroauto der Marke plötzlich mit einem Prius oder einem Nissan Leaf verglichen wird, ist das vielleicht noch kein kommerzielles Problem. Für eine Aktie, die fast zum 30-fachen Gewinn bewertet wird, kann aus einem Internetwitz aber schnell ein Börsenthema werden.

Der Luce wird vermutlich dennoch sein Käufer finden. In dieser Preisklasse darf man erste Editionen lieben, kontroverse Linien feiern und lautlose Ampelstarts genießen. Nach dem Kursrutsch dieser Woche verlässt das springende Pferd die Bühne allerdings vorerst hinkend.