Die Europäische Union muss in diesem Winter bis zu 160 zusätzliche Lieferungen von verflüssigtem Erdgas (LNG) importieren, um geringere Speicherstände und einen Rückgang der Pipeline-Lieferungen aus Russland und Algerien auszugleichen. Das geht aus Analysen und aktuellen Daten hervor und verstärkt die Abhängigkeit Europas von US-Gas.

Die LNG-Importe werden in diesem Jahr auf 820 Tanker steigen, verglichen mit 660 im Vorjahr. Das entspricht 48% der gesamten Gasversorgung der EU. Analysten gehen davon aus, dass im kommenden Winter rund 16 Milliarden Kubikmeter (bcm) benötigt werden.

Vor zehn Jahren deckte LNG lediglich 10% des EU-Gasbedarfs. 2021 lag der Anteil noch bei 23%, bevor Russland die Ukraine angriff und die EU ihre Pipeline-Importe aus Russland reduzierte.

Ein modernes LNG-Frachtschiff fasst typischerweise etwa 0,1 bcm.

Die US-LNG-Exporte bewahrten Europa 2022 vor einer noch schwereren Gaskrise. Doch das wachsende Vertrauen auf US-Gas sorgt für Unbehagen, da die Regierung von Donald Trump, dem amtierenden 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten, in diesem Jahr Handelspartner wie die EU mit Zöllen belegt hat.

Von 2026 bis 2029 werden die USA laut Analysten von Energy Aspects etwa 70% des europäischen LNG-Bedarfs decken - ein Anstieg gegenüber 58% im bisherigen Jahresverlauf. Die EU plant, russisches LNG ab 2027 und russisches Gas ab 2028 zu verbieten.

Die US-Gasproduktion und Exportkapazität steigen rasant, während das Wachstum anderer Anbieter begrenzt bleibt, so die Analysten weiter.

"Unsere Abhängigkeit von den USA wird wachsen", erklärte ein leitender Angestellter eines großen europäischen Energieversorgers, der anonym bleiben wollte. Er verwies auf begrenzte Alternativen für den Gaseinkauf.

Die Importe aus Algerien sind rückläufig. Auch Norwegen, Europas wichtigster inländischer Lieferant, sieht sich mit einem allmählichen Produktionsrückgang konfrontiert.

Langfristige Gaslieferungen per Pipeline unterliegen in der Regel geringeren Preisschwankungen als kurzfristige LNG-Geschäfte.

Dadurch wird die europäische Gasversorgung zunehmend von externen Risiken bestimmt, etwa durch die LNG-Nachfrage aus China, die Preissprünge auslösen und die Vorratshaltung erschweren kann, erklärt Arne Lohmann Rasmussen, Forschungsleiter beim Investmenthaus Global Risk Management.

Laut Daten des Branchenverbands Gas Infrastructure Europe lagen die EU-Gasspeicher am 4. Oktober bei 82,75% beziehungsweise 944 Terawattstunden der Gesamtkapazität - ein Rückgang gegenüber 94,32% im Vorjahr und der niedrigste Stand seit 2021.

Im März 2025 waren die Speicherstände auf unter 34% gefallen - der niedrigste Wert seit 2022.

Sinkende Pipeline-Lieferungen und die zunehmende Abhängigkeit von LNG erfordern künftig deutlich stärkere Entnahmen und Einlagerungen, sagt Florence Schmit, Energiestrategin bei Rabobank.

Bis zum Ende des laufenden Winters im März 2026 könnten die Speicherstände laut Kpler auf ein Siebenjahrestief von 29% der Kapazität sinken.

Das würde 2026 einen erheblichen Risikoaufschlag auf die EU-Gaspreise bedeuten, so Energy Aspects.