Auf der einen Seite fallen die SPIVA-Reports (S&P Indices Versus Active) Jahr für Jahr wie ein Fallbeil: Langfristig gelingt es der großen Mehrheit aktiver Manager nicht, ihren Referenzindex zu schlagen – erst recht nicht nach Abzug der Gebühren. Für den Sparer scheint das Fazit eindeutig: „Kaufen Sie günstige ETFs, folgen Sie dem Markt, und Sie werden gewinnen.“
Das ist eine mathematische Wahrheit. Aber ein psychologischer Irrtum.
Die jährlich veröffentlichte Morningstar-Studie „Mind the Gap“ rückt die Dinge wieder ins Lot. Sie zeigt: Das beste Finanzprodukt zu besitzen (also jenes, das „auf dem Papier“ am besten performt), garantiert keineswegs, dass Sie tatsächlich Geld verdienen. Mehr noch: Gerade die leistungsstärksten Vehikel mit den niedrigsten Gebühren – etwa ETFs – sind oft jene, mit denen Anleger am meisten verlieren, und zwar wegen ihres Verhaltens.
Warum Ihre Disziplin wichtiger ist als Ihre Fondsauswahl:
Der Unterschied zwischen Fondsrendite und Ihrer Rendite
Es gibt zwei Renditebegriffe – und wer sie verwechselt, zahlt teuer:
- Die Gesamtrendite (Total Return): Das ist die Performance, die in der Werbebroschüre steht. Sie setzt voraus, dass Sie am Tag 1 einen Betrag investieren und ihn dann zehn Jahre lang nicht wieder anfassen.
- Die Anlegerrendite (Investor Return): Das ist das, was am Ende tatsächlich in Ihrer Tasche landet - unter Berücksichtigung des Timings Ihrer Ein- und Auszahlungen (also Ihrer Cashflows).
Die zehnjährige Morningstar-Auswertung (bis Ende 2024) ist eindeutig: Während US-Fonds im Durchschnitt (CAGR) 8,2% pro Jahr erwirtschafteten, hat der durchschnittlich investierte Dollar nur 7,0% eingefangen.
Diese Lücke von 1,2 Prozentpunkten pro Jahr wirkt harmlos. Doch über ein Jahrzehnt bedeutet sie, dass rund 15% des von den Fonds geschaffenen Vermögens verdampft sind. Wo ist es geblieben? Es wurde durch schlechtes Timing zerstört: Kaufen nach Kursanstiegen (Euphorie) und Verkaufen nach Kursrückgängen (Panik).

Das ETF-Paradoxon: Der Ferrari ohne Bremsen
Genau hier zeigt das „Alles-ETF“-Dogma (getragen von der SPIVA-Logik eines Indexanbieters) seine menschlichen Grenzen.
Die Studie zeigt, dass ETFs tatsächlich höhere theoretische Renditen als klassische Fonds geliefert haben (9,5% gegenüber 8,0%). Die SPIVA-These wird also bestätigt: Passive Produkte performen besser.
In der Praxis jedoch haben ETF-Anleger ihr eigenes Produkt um -1,7% pro Jahr unterboten – gegenüber nur -1,2% bei Anlegern in klassischen Fonds.
Warum? Liquidität ist eine Falle. Ein ETF lässt sich mit einem Klick handeln, wie eine Aktie. Diese Leichtigkeit fördert impulsives Trading. Ein klassischer Fonds – oft in einem starreren Vertragsrahmen – ist schwerfälliger zu bewegen. Morningstar weist zudem darauf hin, dass ETFs meist nicht von „natürlichen Leitplanken“ profitieren (etwa der Einbettung in betriebliche Altersvorsorgepläne), die Anleger zu langfristigem Halten zwingen.
Wie die Studie es zusammenfasst: Je mehr die Anleger gehandelt haben, desto weniger haben sie am Ende verdient.
Die Gewinnstrategie: Allokation, DCA und - Nichtstun
Wenn aktives Trading Wert vernichtet, wie lässt sich dann die von ETFs versprochene Performance einfangen? Die Studie gepaart mit finanzwirtschaftlichem Menschenverstand verweist auf eine Strategie in drei Schritten:
- Von Anfang an die richtige Allokation bauen
Der fatale Fehler ist, irgendeinen ETF zu wählen, weil er im Vorjahr glänzte. Die Studie zeigt, dass Mischfonds (die strukturell Aktien und Anleihen kombinieren) die geringste Verhaltenslücke aufweisen (-0,1%). Die Lehre: Legen Sie Ihre Vermögensaufteilung fest, bevor Sie investieren – und halten Sie sie ein.
- Die Kraft von DCA (Dollar Cost Averaging)
Wer jeden Monat denselben Betrag investiert (DCA), glättet den Einstiegspreis. Man kauft mechanisch mehr Anteile, wenn der Markt fällt, und weniger, wenn er steigt. Das nimmt den Stress, „den richtigen Zeitpunkt“ treffen zu müssen.
- Nichts anfassen (oder fast nichts)
Das ist der entscheidende Punkt. Morningstar zeigt eine direkte Korrelation: Je volatiler die Cashflows eines Fonds (also je stärker Anleger ständig rein und raus gehen), desto stärker bricht die reale Rendite ein. Die Lehre: Sobald Ihr DCA läuft, verzichten Sie auf häufige Umschichtungen. Verkaufen Sie nicht, weil die Nachrichten eine Krise ausrufen. Die Studie empfiehlt ausdrücklich, diskretionäre Transaktionen ("Entscheidungen aus dem Bauch heraus") auf ein striktes Minimum zu reduzieren.
Volatilität: der Feind der Disziplin
Die Studie macht deutlich: Je volatiler ein Fonds, desto schwerer fällt es dem Anleger, diszipliniert zu bleiben. Die volatilsten Fonds weisen eine katastrophale Performance-Lücke (Gap) von -2,0% pro Jahr auf.
Das deutlichste Beispiel sind Sektorfonds (Tech, Energie usw.). Diese Fonds verleiten dazu, "Performance zu jagen". Das Ergebnis? In dieser Kategorie ist das Desaster am größten - besonders bei Sektor-ETFs, die ein Gap von -2,1% ausweisen.
Seien Sie der Pilot, nicht der Mechaniker
Die SPIVA-Studie hat bei der Mechanik recht: Niedrige Gebühren und Indexmanagement sind statistisch die besten Performance-Motoren. Doch "Mind the Gap" erinnert uns daran, dass am Ende der Pilot über das Ankommen entscheidet.
Praxisblatt
So gelingt die ETF-Anlage langfristig:
- Automatisieren: Richten Sie einen Dauerauftrag (DCA) auf eine diversifizierte Allokation ein.
- Machen Sie es sich schwer: Öffnen Sie Ihre Börsen-App nicht jeden Tag. Die Liquidität von ETFs ist technisch ein Vorteil, verhaltenspsychologisch aber ein Risiko.
- Widerstehen Sie dem Drang zu handeln: Ständiges Umschichten ist der Feind der Rendite. Wie die Studie zeigt, schlägt der Anleger, der nichts tut (Buy-and-Hold- oder Allokationsstrategie), nahezu immer denjenigen, der versucht, den Markt auszutricksen.
























