In den Großraumbüros der Analysten – von der Wall Street bis zu MarketScreener – war zuletzt wieder etwas Ruhe eingekehrt. Die Fortschritte in den Gesprächen zwischen den USA und dem Iran zur Eindämmung des Nahostkonflikts hatten den Nachrichtenfluss zwischenzeitlich deutlich abebben lassen. Doch diese Verschnaufpause dürfte nur von kurzer Dauer sein.
Mit der kommenden Woche beginnt die Berichtssaison zum zweiten Quartal – und die Messlatte liegt außergewöhnlich hoch. Während die Börsen zu Jahresbeginn noch überzeugten, drehte die Stimmung im März deutlich. Im ersten Quartal verlor der S&P 500 rund 4,3 %, der Nasdaq gab 7 % nach. Auch in Europa geriet der Markt unter Druck: Der Stoxx Europe 600 büßte fast 8 % seines Wertes ein. Einzig viele asiatische Börsen konnten sich dank ihrer Sektorstruktur dem Abwärtstrend entziehen.
Hinzu kommt die Rückkehr geopolitischer Spannungen. Nachdem Donald Trump am 8. Juli das zuvor vereinbarte Rahmenabkommen mit dem Iran aufgekündigt hatte, kehrte die Unsicherheit an die Märkte zurück. Für die Unternehmen bedeutet das: Spielraum für Enttäuschungen gibt es kaum noch. Anleger rechnen bereits mit einem außergewöhnlich starken Quartal, getragen vor allem von den großen Technologiekonzernen. Laut FactSet werden die Gewinne der Unternehmen im S&P 500 inzwischen um durchschnittlich 23,3 % über dem Vorjahresniveau erwartet. Ob diese hohen Erwartungen erfüllt werden können, bleibt allerdings offen.
Während der Berichtssaison reicht es längst nicht mehr, die Analystenschätzungen lediglich zu erfüllen – häufig müssen sie klar übertroffen werden. Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass die Euphorie rund um KI-Aktien nachlässt. Halbleiterwerte haben zuletzt an Schwung verloren, zudem verdichten sich die Spekulationen über eine Verschiebung des Börsengangs von OpenAI. Viele Investoren schichten deshalb in defensivere Branchen um, die weniger anfällig für ein mögliches Platzen der KI-Euphorie erscheinen.
Das erste Quartal hat bereits gezeigt: Durchschnittliche Ergebnisse reichen dem Markt nicht mehr aus. Entsprechend spannend dürfte die nun beginnende Berichtssaison werden. Ein Blick auf die wichtigsten Unternehmen:
- Nvidia: Die Anleger setzen erneut auf ein explosives Wachstum im Rechenzentrumsgeschäft, getragen von der Blackwell-Architektur. Im Fokus stehen insbesondere die Bruttomarge – erwartet werden rund 73 % – sowie die Frage, ob die Produktion die enorme Nachfrage ohne Verzögerungen bedienen kann.
- Apple: Nach einem starken ersten Quartal stellt der Konzern für das laufende Quartal ein Umsatzwachstum von 14 bis 17 % in Aussicht. Entscheidend wird sein, ob die neuen KI-Funktionen tatsächlich den lange erwarteten Superzyklus beim Austausch von iPhones und anderen Geräten auslösen – insbesondere nach den deutlichen Preiserhöhungen.
- Microsoft: Hier richtet sich der Blick auf die Rendite der milliardenschweren Investitionen in Rechenzentren. Der Markt erwartet, dass sich diese Ausgaben endlich in einer spürbaren Beschleunigung des Azure-Wachstums niederschlagen.
- TotalEnergies: Dank eines Ölpreises, der zeitweise an die Marke von 120 USD je Barrel heranreichte, dürfte der Energiekonzern starke Ergebnisse vorlegen. Im Mittelpunkt steht vor allem der freie Cashflow.
- LVMH: Nach einem verhaltenen Jahresauftakt muss der Luxuskonzern zeigen, dass die Nachfrage in den USA robust bleibt und sich die Konsumlaune in Asien stabilisiert. Eine Enttäuschung könnte den gesamten CAC 40 belasten.
- ASML: Hier werden vor allem die Auftragseingänge genau analysiert. Anleger wollen wissen, ob Kunden wie TSMC, Intel und Samsung ihre Investitionen in Maschinen für die nächste Chipgeneration weiter hochfahren.
Nach der weltweiten Rekordserie an den Aktienmärkten wird diese Berichtssaison zum entscheidenden Härtetest. Den Auftakt machen in der kommenden Woche die großen US-Banken sowie ASML, TSMC und Richemont. Ihre Zahlen dürften den Takt für den gesamten Börsensommer vorgeben.






















