Gestern haben wir an dieser Stelle die Aufwärtsbewegung der Renditen beschrieben, die seit rund einem Monat anhält. Sie spiegelt die Rückkehr der Inflation, die wachsenden Haushaltsdefizite und womöglich auch eine neue Konkurrenz am Anleihemarkt wider: Die großen amerikanischen Tech-Konzerne begeben inzwischen selbst Anleihen, um die Entwicklung künstlicher Intelligenz zu finanzieren.

Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt mit mehr als 4,6 % auf dem höchsten Stand des Jahres. Die Rendite der 30-jährigen Laufzeit notiert sogar auf dem höchsten Niveau seit 2007.

Doch in den kommenden Wochen könnte ein weiterer Faktor den Anstieg zusätzlich verstärken: ein neuer Präsident der US-Notenbank. Kevin Warsh wird am Freitag im Weißen Haus vereidigt. Bemerkenswert dabei: Seine sieben Vorgänger sahen allesamt innerhalb der drei Monate nach ihrem Amtsantritt steigende Renditen. Der Markt neigt dazu, die Glaubwürdigkeit neuer Fed-Präsidenten zu testen.

 

Entwicklung der kurzfristigen Zinsen (2 Jahre) und langfristigen Renditen (10 Jahre) drei Monate nach Amtsantritt eines neuen Fed-Präsidenten.

Der Markt dürfte Kevin Warsh umso intensiver auf die Probe stellen, weil bislang kaum jemand genau weiß, wofür er geldpolitisch steht. Wird Präsident Warsh der Falke sein, der 2011 aus Protest gegen die Politik der Fed zurücktrat? Oder eher die Taube, die im Rennen um die Nominierung Zinssenkungen forderte?

Während seiner Zeit bei der Fed zwischen 2006 und 2011 vertrat Kevin Warsh Positionen, die ihm den Ruf eines Falken einbrachten. Seine Ablehnung des zweiten Quantitative-Easing-Programms der Fed führte schließlich zu seinem Rücktritt.

In den vergangenen Monaten stellte er sich jedoch hinter Donald Trumps Forderungen nach stärkeren Zinssenkungen. Diese Haltung war zweifellos hilfreich, um den Posten zu erhalten. Zugleich verfügt Warsh aber auch über eine wirtschaftliche Argumentation, die seine Nähe zu Trump erklärt: Er glaubt, dass künstliche Intelligenz einen Produktivitätsschub auslösen und damit ein disinflationäres Wachstum ermöglichen wird – ähnlich wie in den USA der 1990er Jahre.

Diese These war zu Jahresbeginn durchaus plausibel, als die Fed noch mit einem Rückgang der Inflation rechnete und davon ausging, dass die Auswirkungen der Zölle allmählich nachlassen würden. Seitdem hat sich das Bild jedoch grundlegend verändert. Der Krieg im Iran und die stark gestiegenen Energiepreise haben die Inflation erneut angeheizt. Inzwischen lautet die Debatte nicht mehr, wann die Fed die Zinsen senkt, sondern ob sie sie wieder anheben muss.

Sicher ist jedenfalls: Die Märkte bleiben ein mächtiges Korrektiv. Wenn ein Fed-Präsident versucht, die kurzfristigen Zinsen aggressiv zu senken, wird er mit steigenden langfristigen Renditen konfrontiert. Denn die Inflationserwartungen steigen sofort, sobald die Märkte den Eindruck gewinnen, die Fed entferne sich von ihrem Inflationsziel. Um eine Formulierung aufzugreifen, die Kevin Warsh in den vergangenen Monaten häufig verwendet hat: „Inflation ist eine Entscheidung.“