Die Vereinigten Staaten bereiten sich auf eine diplomatische Offensive in Fernost vor. Nicht im wörtlichen Sinn natürlich, denn Washington müsste zunächst seine Angelegenheiten im Nahen Osten klären, bevor es sich stärker Asien zuwenden kann. Donald Trump wird am Donnerstag und Freitag in China erwartet, wo ein Gipfeltreffen mit seinem Amtskollegen Xi Jinping ansteht. Begleitet wird er von mehreren einflussreichen amerikanischen Konzernchefs.
Zuvor wird US-Finanzminister Scott Bessent Japan und Südkorea besuchen. Bessent gilt als die vernünftigste Stimme im wirtschaftspolitischen Umfeld des Weißen Hauses. Seine Japan-Reise ist alles andere als nebensächlich: Die Vereinigten Staaten drängen auf einen schwächeren Yen gegenüber dem US-Dollar und unterstützen gleichzeitig offen höhere japanische Zinsen. Vergangene Woche hatten wir erläutert, warum Washington Japan derzeit so genau beobachtet. Anschließend reist Bessent weiter nach Südkorea, wo er morgen den chinesischen Vizepremier He Lifeng treffen soll – als Vorbereitung auf das Treffen der beiden Staatschefs.
Diese asiatische Offensive erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem Donald Trump innenpolitisch stark angeschlagen wirkt. Viele Amerikaner tun sich schwer damit, die wirtschaftlichen Folgen des iranischen Konflikts zu verkraften – insbesondere die steigenden Preise. Im Weißen Haus hat niemand vergessen, welchen politischen Preis die Demokraten für die galoppierende Inflation bezahlt haben. Da die Zwischenwahlen nur noch wenige Monate entfernt sind, reagieren republikanische Kandidaten zunehmend alarmiert auf die Entwicklung. Die Botschaft des Weißen Hauses, wonach „es erst schlimmer wird, bevor es besser wird“, verfängt nicht mehr. „Bis es besser wird, habe ich meinen Sitz verloren“, lautet inzwischen die Antwort vieler Parteimitglieder vor Ort.
Deshalb sieht sich Donald Trump gezwungen, über Notmaßnahmen nachzudenken, die eigentlich seinen politischen Instinkten widersprechen. Die Vereinigten Staaten werden die Zölle auf Rindfleischimporte senken. Zudem brachte der Präsident eine 90-tägige Aussetzung der Kraftstoffsteuer ins Spiel, um die Belastung durch den Anstieg der Treibstoffpreise um 40 % innerhalb eines Jahres abzufedern. Diese symbolischen Maßnahmen sollen die Kaufkraft der Haushalte kurzfristig und sichtbar stärken, bleiben jedoch temporär. Solange sich die Lage in der Straße von Hormus nicht entspannt, dürfte es keine nachhaltige Entlastung bei den Ölpreisen geben.
Auch aus dem Iran kommen derzeit keine ermutigenden Signale. Teherans Antwort auf den Friedensplan Washingtons sei „ein Haufen Unsinn“, erklärte Donald Trump, der eigenen Angaben zufolge „noch nicht einmal alles gelesen“ habe. Der Präsident warnte zudem, das Waffenstillstandsabkommen hänge „an lebenserhaltenden Maßnahmen“. In diesem geopolitischen Pokerspiel ist allerdings stets schwer zu unterscheiden, was ernst gemeint ist und was Bluff bleibt. Der Volatilitätsindex VIX zog leicht an, während Brent-Öl sich weiter oberhalb von 100 US-Dollar je Barrel hält – ein Zeichen dafür, dass professionelle Marktbeobachter weniger optimistisch geworden sind als noch am Vortag.
Während der Ölpreisschock der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten, Europa und anderswo zusetzt, zeigen sich die Aktienmärkte weiterhin erstaunlich robust. Der scheinbar unaufhaltsame Nasdaq, getragen von KI-Werten, markiert immer neue Rekorde. Seit Anfang April kam statistisch auf vier positive Handelstage nur ein negativer. Besonders auffällig ist die Entwicklung von Sandisk: Die Aktie legte seit dem 1. Januar um 552 % zu. Noch vor wenigen Jahren galten Hersteller von Speicherchips unter Technologieanalysten als Problemfälle der Halbleiterindustrie. Diese Einschätzung musste inzwischen "leicht" revidiert werden.
Künstliche Intelligenz bleibt der dominante Faktor an den Märkten. In Südkorea hat das Thema inzwischen fast nationale Bedeutung erreicht: Die Regierung deutete über Nacht an, einen Teil der durch den KI-Boom generierten Steuereinnahmen – sichtbar in den explosionsartigen Kursanstiegen mehrerer heimischer Unternehmen wie Samsung Electronics und SK Hynix – an die Bevölkerung zurückzugeben. Die Ankündigung sorgte für einige Irritationen, obwohl eine einmalige Sondersteuer auf Gewinne ausgeschlossen wurde.
Die politische und wirtschaftliche Euphorie in Südkorea steht in starkem Kontrast zur gedrückten Stimmung in Großbritannien. Premierminister Keir Starmer gerät von allen Seiten unter Druck. Zahlreiche Abgeordnete sowie sogar seine Innenministerin fordern ihn auf, über einen Nachfolgeplan nachzudenken. Ein als Starmer-nah geltender Abgeordneter sagte Bloomberg, die Frage sei nicht mehr, ob Starmer gehen müsse, sondern nur noch wann.
In Europa haben die Aktienmärkte zunehmend Mühe, mit der rasanten Entwicklung an der Wall Street Schritt zu halten. Der Stoxx Europe 600 liegt seit Jahresbeginn zwar 3,5 % im Plus, wurde jedoch zuletzt deutlich von der US-Rally abgehängt. Der Nasdaq 100 hat im Jahr 2026 inzwischen um 16,1 % zugelegt. Zum Vergleich: Am 27. Februar lag der Stoxx Europe 600 noch 7 % im Plus, während der Nasdaq 100 damals 1 % im Minus notierte. Die anschließende Trendwende fiel spektakulär aus.
Im asiatisch-pazifischen Raum zeigte sich heute Morgen insbesondere der südkoreanische Markt äußerst volatil – aus den bereits genannten Gründen. Der KOSPI schloss letztlich 2,3 % tiefer. Indien und Australien setzten ihre Verluste fort und gaben um 1,1 % beziehungsweise 0,4 % nach. Hongkong gewann dagegen 0,1 %, Tokio legte 0,3 % zu. Anleger wissen derzeit kaum, worauf sie ihren Fokus richten sollen – gefangen zwischen der irrational wirkenden Rally am US-Aktienmarkt und den globalen Spannungen. In Europa werden die Börsen zum Handelsstart schwächer erwartet, da die festgefahrene Lage im Iran schwerer wiegt als die Hoffnungen rund um KI.
Wirtschaftliche Höhepunkte:
Auf dem Programm heute: NAB-Geschäftsklimaindex in Australien; Industrieproduktion in Italien; der ZEW-Konjunkturerwartungsindex für die Eurozone und Deutschland; In den Vereinigten Staaten, Reden von Fed's Williams und Goolsbee, monatliche und jährliche Inflationsraten, der Verbraucherpreisindex, der monatliche Haushaltsbericht und die API-Rohölbestandsänderung. Die gesamte Agenda gibt es hier.
- EUR / USD: 1,18 $
- Gold: 4.701,15 $
- Rohöl (Brent): 105,34 $
- Anleihe Vereinigte Staaten 10 Jahre: 4,42 %
- BITCOIN: 81.146,8 $
In den Nachrichten:
- Thyssenkrupp: hat seine Umsatzprognose gesenkt.
- Hochtief: meldet für das erste Quartal trotz höherer Umsätze einen Rückgang des Nettogewinns.
- Palliser: hat laut Bloomberg eine Beteiligung an Intertek erworben, einem möglichen Übernahmeziel von EQT.
- Telecom Italia: Moody’s hat das Rating auf Ba1 angehoben, mit stabilem Ausblick.
- Safilo: unterzeichnet eine Vereinbarung zum Kauf von Spy+ und Serengeti von Bollé Brands.
- Lifco: übernimmt eine Mehrheitsbeteiligung am britischen Unternehmen Glass Umbrella.
- Bavarian Nordic: gibt bekannt, dass die US-Regierung eine Option für gefriergetrocknete Pockenimpfstoffe ausgeübt hat.
- Tesla, Apple, Meta und Boeing: Das Weiße Haus hat die CEOs dieser Unternehmen nach China eingeladen, nicht jedoch Nvidia-Chef Jensen Huang.
- OpenAI: soll laut The Information durch den jüngsten Vertrag mit Microsoft bis 2030 rund 97 Milliarden Dollar einsparen.
- Simon Property: hat seine Prognosen angehoben.
- General Motors: will laut Bloomberg mehrere hundert Führungspositionen abbauen, um Kosten zu senken.
- ServiceNow: plant laut Bloomberg eine Anleiheemission über 4 Milliarden Dollar.
- Google und Apple: führen RCS-Verschlüsselung ein, um die Kommunikation zwischen Android und iPhone abzusichern.
- Johnson Controls: stärkt seine Präsenz in Europa mit der Eröffnung neuer Zentren in Dänemark.
- Netflix: wird in Texas wegen angeblicher Spionage und Datenerhebung ohne Zustimmung verklagt.
- Cerebras: könnte bei einem vergrößerten Börsengang bis zu 5,5 Milliarden Dollar einsammeln.
- Constellation Software, Power Corporation of Canada, Siemens Energy, KBC Group, Bayer, Imperial Brands und HAL Trust gehören heute zu den wichtigsten Unternehmen mit Quartalszahlen.
Weitere Nachrichten von Unternehmen, die in Deutschland notiert sind, finden Sie hier.
Analystenempfehlungen:
- Landis+Gyr Group AG: Research Partners AG bestätigt Buy und senkt das Kursziel von 64 CHF auf 58 CHF.
- Alcon Inc.: Deutsche Bank bestätigt Buy und senkt das Kursziel von 77 CHF auf 70 CHF.
- Ottobock SE & Co. KGaA: Deutsche Bank bestätigt Buy und erhöht das Kursziel von 81 EUR auf 83 EUR.
- Aurubis AG: Deutsche Bank bestätigt Hold und erhöht das Kursziel von 168 EUR auf 178 EUR.
- SIG: Berenberg bestätigt Hold und erhöht das Kursziel von 9,50 CHF auf 13 CHF.
- Commerzbank AG: DZ Bank AG Research stuft von Hold auf Buy hoch und erhöht das Kursziel von 34 EUR auf 42 EUR.
- SUSS MicroTec SE: DZ Bank AG Research stuft von Sell auf Hold hoch und erhöht das Kursziel von 33 EUR auf 80 EUR.
- TeamViewer SE: Berenberg bestätigt Hold und senkt das Kursziel von 11 EUR auf 6,70 EUR.
- Deutz AG: DZ Bank AG Research bestätigt Buy und erhöht das Kursziel von 9,90 EUR auf 11,60 EUR.
























