Seit Beginn der 2010er Jahre hat Peking seine Industriestrategie neu ausgerichtet, um in Sektoren mit hoher Wertschöpfung wie Elektrofahrzeuge, Batterien, Robotik oder Pharma aufzusteigen. Die Wucht dieser Strategie ist atemberaubend: China steht heute für rund 30% der weltweiten Industrieproduktion, während die Europäische Union nur noch etwa 15% beisteuert. Gestützt auf einen riesigen Binnenmarkt und kolossale Investitionen flutet die „Fabrik China“ den Globus mit ihren Produkten und weist Rekordüberschüsse im Außenhandel aus.

Vor allem aber gerät das traditionelle europäische Argument – höhere Qualität rechtfertige höhere Preise – gefährlich ins Wanken. Bei vergleichbarer Qualität sind chinesische Produkte laut HCSP-Bericht um 30% bis 40% günstiger herzustellen als Erzeugnisse der europäischen Industrie. Eine derartige Lücke lässt sich nicht mehr durch bloße Produktivitätsgewinne oder inkrementelle Innovationen schließen: Dem Alten Kontinent droht eine Spirale, in der selbst hochwertige Produkte zu teuer werden, weil chinesische Konkurrenz technisch ausgereift und preislich kaum zu schlagen ist.

Diese beeindruckende Wettbewerbsfähigkeit Chinas ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Kombination struktureller Faktoren. Chinesische Industrieunternehmen können sich stützen auf:

  • massive öffentliche Investitionen und privilegierten Zugang zu Krediten
  • dauerhaft niedrigere Produktionskosten (Energie, Arbeit, günstige Industrieflächen)
  • immer stärker integrierte Wertschöpfungsketten und gigantische Skaleneffekte dank eines enormen Binnenmarktes
  • ein flexibleres regulatorisches Umfeld mit geringeren sozialen und ökologischen Auflagen
  • und eine über längere Zeit unterbewertete Währung, die Exportpreise zusätzlich begünstigt

Das Ergebnis ist eine regelrechte industrielle Dampfwalze. Angetrieben von einem schwachen Yuan und von Überkapazitäten, die auf den Export ausgerichtet sind, startet China in seinen 15. Fünfjahresplan (2026–2030), wobei industrielle Fertigung und technologischer Aufstieg erneut ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Für Europa ist die Gefahr längst nicht mehr theoretisch: Sie äußert sich bereits in sinkenden Marktanteilen und in Fabriken, die schließen.

Europäische Bastionen geraten an zwei Fronten unter Druck

Die Besonderheit des aktuellen Schocks liegt darin, dass er Europa gleichzeitig auf zwei Fronten trifft. Einerseits auf den internationalen Märkten, wo europäische Produkte zunehmend chinesischer Konkurrenz begegnen – und inzwischen mehr als ein Viertel der Exporte der großen EU-Volkswirtschaften durch chinesische Rivalen bedroht sind. Andererseits auf dem europäischen Binnenmarkt, auf dem chinesische Produkte schnell Terrain gewinnen: Bis zu 55% der industriellen Produktion der EU könnten mittelfristig exponiert sein, sofern sich die aktuellen Trends fortsetzen. Besonders hoch ist diese Exponierung in Deutschland (rund 70% der Produktion bedroht), in Italien (60%), in Spanien (50%) sowie in Frankreich (36%). Mit anderen Worten: Kein industriell geprägtes Land des Kontinents ist sicher.

Karte 1 - Anteil europäischer Exporte, die durch chinesische Konkurrenz bedroht sind (%)

Hinweis: Sektorale Bedrohungen, die identifiziert werden, wenn mindestens zwei Indikatoren den Alarmschwellenwert überschreiten, werden
für jedes Land aggregiert.
Quelle: BACI, Berechnungen des Autors
HCSP

Vor allem dringt die chinesische Konkurrenz inzwischen in den Kern der europäischen Industriehochburgen vor. Sie beschränkt sich nicht mehr auf Plastikspielzeug oder billige Textilien. Automobil, Chemie, Werkzeugmaschinen, Pharma: Branchen, die zu den Aushängeschildern der europäischen Wirtschaft zählen, stehen nun direkt im Visier.

Automobil und Batterien in der ersten Reihe

Der Automobilsektor verkörpert den Umbruch nahezu exemplarisch. China konzentriert knapp 40% der weltweiten Fahrzeugproduktion und ist binnen weniger Jahre zum größten Autoexporteur aufgestiegen – insbesondere im Segment der Elektrofahrzeuge. Gleichzeitig schmelzen die Exportüberschüsse der europäischen Autoindustrie, vor allem die Deutschlands, dahin. Rund 13 Millionen direkte und indirekte Arbeitsplätze hängen in Europa an der Automobilindustrie; sie geraten nun unter den Druck einer Welle aus dem Osten. 

Ein weiterer strategischer Sektor, die Batterieindustrie, illustriert den europäischen Rückschlag besonders scharf. Als Schlüssel für die Energiewende identifiziert, sah sich die Batteriebranche zwei aufeinanderfolgenden Wellen chinesischer Konkurrenz ausgesetzt: einer ersten bereits in den 2000er Jahren, dann einer zweiten, deutlich intensiveren Welle Ende der 2010er Jahre. China gewinnt hier inzwischen in schwindelerregendem Tempo Marktanteile – bis zu dem Punkt, dass seine Batterieexporte auf vielen Weltmärkten die europäischen Volumina klar übertreffen.

Grafik 9 - Beschleunigung chinesischer Batterieimporte seit Ende der 2010er-Jahre (Exporte
in Milliarden Euro)


Quelle: BACI, Berechnungen des Autors; China (Rot) Deutschland (Dunkelblau) Frankreich (Hellblau)

Deutschland im Epizentrum des industriellen Bebens

In der Bilanz erscheint Deutschland als Epizentrum des Bebens, das die europäische Industrie erschüttert. Das Land, lange Zeit industrieller Motor Europas, erweist sich heute als besonders verletzlich gegenüber Chinas Aufstieg in höherwertige Segmente. Seit 2023 hat Deutschland demnach rund 240.000 Industriearbeitsplätze verloren. Die Pfeiler seines Modells – Werkzeugmaschinen, Produktionsanlagen, Chemie – stehen unter massivem Druck durch chinesische Fabriken.

Insgesamt schätzt der HCSP-Bericht, dass 32% der deutschen Exporte und nahezu 70% der industriellen Produktion mittelfristig direkt bedroht sind. Frankreich scheint etwas weniger exponiert (rund 26% der Exporte und 36% der Produktion unter chinesischem Druck), doch der Befund bleibt für alle alarmierend.

Grafik 6 - Kräftiges anhaltendes Wachstum chinesischer Exporte 
von Werkzeugmaschinen seit dem Jahr 2000 (Exporte in Milliarden Euro)


Quelle: BACI, Berechnungen des Autors  (China in Rot, Deutschland in Dunkelblau, Frankreich in Hellblau)

Europa verliert auch technologisch an Boden

Die Lage wirft die Frage nach der Gegenwehr auf. Doch die handels- und industriepolitischen Abwehrinstrumente Europas gelten als weitgehend unzureichend, um Chinas Strategie zu begegnen. Der Bericht des HCSP ist eindeutig: Das aktuelle Arsenal ist zu sektoral, zu reaktiv und zu fragmentiert, um einer globalen und systemischen industriellen Offensive standzuhalten. Als mahnendes Beispiel wird die Photovoltaik genannt. Europa verfügte über eine wettbewerbsfähige Solarindustrie, doch binnen weniger Jahre wurden die Kapazitäten vom chinesischen Angebot vom Weltmarkt gefegt – lange bevor europäische Abwehrmaßnahmen (Antidumpingzölle etc.) überhaupt Wirkung entfalten konnten.

Trotz einzelner Initiativen – etwa einer strengeren Kontrolle ausländischer Investitionen oder der Förderung einer „europäischen Präferenz“ bei öffentlichen Aufträgen – hält der Bericht diese Maßnahmen für unzureichend. Ein „Buy European Act“ nach Brüsseler Art mag für einzelne strategische Sektoren hilfreich sein, bleibt aber viel zu begrenzt, um eine derart systemische Konkurrenz einzudämmen.

30% Zoll oder 30% weniger Euro? Zwei Optionen, um den Crash zu verhindern

Angesichts der Dringlichkeit empfiehlt der Bericht einen vollständigen Paradigmenwechsel. Er skizziert zwei Bruchszenarien, um den chinesischen Kostenvorteil zu neutralisieren. Das erste bestünde darin, eine europäische Zollmauer hochzuziehen. Konkret ginge es um einen allgemeinen Zoll in der Größenordnung von rund 30% auf alle aus China importierten Produkte. Eine solche Abgabe, in dieser Breite beispiellos, soll die im Bericht genannte Kostenlücke von 30% bis 40% ausgleichen. Das erklärte Ziel: faire Wettbewerbsbedingungen für europäische Produzenten wiederherzustellen, indem chinesische Waren so verteuert werden, dass „made in Europe“ auf dem Binnenmarkt wieder konkurrenzfähig wird. Ein derart radikaler Schritt hätte selbstverständlich diplomatische und wirtschaftliche Konsequenzen – Befürworter argumentieren jedoch, er könne die Abwärtsspirale der industriellen Erosion abrupt stoppen.

Die zweite Option ist makroökonomischer Natur. Sie würde auf eine deutliche Abwertung des Euro gegenüber der chinesischen Währung zielen. Der Bericht nennt eine Euro-Abwertung von 20% bis 30% gegenüber dem Yuan. Ein schwächerer Euro verschaffte europäischen Exporteuren spürbar Luft, weil ihre Produkte im Ausland günstiger würden, während chinesische Importe für EU-Verbraucher automatisch teurer würden. Eine solche Strategie würde allerdings eine lückenlose Koordination der Länder der Eurozone erfordern – und eine heikle Steuerung der Nebenwirkungen (importierte Inflation, Handelskonflikte etc.). Vor allem aber gilt: Egal welche Option gewählt wird, sie ergibt nur Sinn, wenn Europa geschlossen auftritt. Es geht darum, gegenüber Peking ein glaubwürdiges Kräfteverhältnis aufzubauen – und daran zu erinnern, dass der große europäische Markt mit seinen 450 Millionen Konsumenten das letzte wirkungsvolle Verhandlungspfand der EU bleibt, um Respekt einzufordern.

Das Schlusswort

Die chinesische Offensive stellt die wirtschaftliche Macht Europas vor eine existentielle Herausforderung. „Wie kann Europa eine Industrienation bleiben, wenn China inzwischen bei vergleichbarer Qualität zu deutlich niedrigeren Kosten produziert?“. Für die Europäer ist die Stunde gekommen, ihr Schicksal zu wählen. Anders gesagt: Europa muss entscheiden, ob es die Regeln des globalen Wettbewerbs nur erduldet – oder ob es sich organisiert, um seine vitalen Interessen aktiv zu verteidigen.

Die Lage ist dringlich, denn die chinesische "Dampfwalze" bremst nicht – im Gegenteil, sie gewinnt an Kraft. Die Antwort dürfte schwierig, kostspielig und politisch nur schwer zu bündeln sein. Ohne sie aber könnte Europa in die zweite Reihe zurückfallen und bei grundlegenden Bedürfnissen von ausländischen Technologien und Produkten abhängig werden.