Dieser Schritt zahlte sich zunächst aus, ermöglichte rasantes Wachstum und den Kauf des Gebäudes, in dem sich heute die Firmenzentrale in Mößingen südlich von Stuttgart befindet. Doch damit wurde das Unternehmen auch abhängig von den deutschen Autoherstellern, die sich aktuell in einer Krise befinden.
"Diese Gegend ist wackelig," sagte Geschäftsführer und Mitgründer Steffen Braun gegenüber Reuters. "Sie ist nicht mehr so stabil, und es ist schwer, Investitionen zu tätigen." Das Unternehmen musste Personal abbauen, und die autoabhängigen Umsätze sind gesunken.
Solche Belastungen spiegeln sich in ganz Baden-Württemberg wider, wo am 8. März eine Wahl stattfindet und die Wirtschaft zum wichtigsten Thema für die Wähler geworden ist.
Das Bundesland ist die Heimat von Mercedes und Porsche, Automarken, die jahrzehntelang als Synonym für deutsche Fertigungsqualität galten. Doch heftige Konkurrenz – insbesondere aus China – ein holpriger Übergang zur Elektromobilität und steigende Kosten erschüttern die Branche.
Sinkende Nachfrage in der automobilen Lieferkette setzt hunderte kleinere Hersteller unter Druck und bedroht die Arbeitsplatzsicherheit sowie kommunale Dienstleistungen.
Obwohl die konservative Partei von Bundeskanzler Friedrich Merz die Wahl voraussichtlich gewinnen wird, bieten die wirtschaftlichen Sorgen und ein Gefühl verlorenen regionalen Stolzes einen fruchtbaren Boden für die Narrative der rechtspopulistischen AfD.
EINE DEUTLICH HÄRTERE WELT FÜR EIN EXPORTSCHWERGEWICHT
Einst ein Vorreiter, ist Baden-Württemberg stärker als viele andere Regionen vom Strukturwandel in der deutschen Industrie betroffen.
Das Bundesland ist Deutschlands exportstärkste Region, steht für 15,5% der landesweiten Exporte, und das Verarbeitende Gewerbe macht 38,1% der Bruttowertschöpfung aus – im Bundesdurchschnitt sind es 28,5%.
Die Wirtschaft Baden-Württembergs schrumpfte 2024 um 0,4% – mehr als der bundesweite Rückgang von 0,2%. Und während das Land im vergangenen Jahr wieder leicht wuchs, wird für das Bundesland erneut ein Rückgang erwartet.
Erschwerend kommen US-Zölle hinzu, die den Welthandel durcheinandergebracht haben und exportorientierte Länder mit großer Automobilindustrie besonders hart treffen, so Ifo-Ökonom Robert Lehmann.
"Baden-Württemberg ist da ein klassisches Beispiel," sagte er.
INSOLVENZEN UND PROBLEME AUF DEM ARBEITSMARKT
Anzeichen von Stress mehren sich.
Die Zahl der Insolvenzen in Baden-Württemberg stieg laut Landesstatistikamt im Jahr 2024 zum zweiten Mal in Folge auf 2.445 – ein Plus von 30% und der höchste Wert seit 2010. Ein dritter Anstieg in Folge ist wahrscheinlich.
Cornelius Pleser, Geschäftsführer der Bewertungs- und Verwertungsfirma Pleser KG, berichtete, dass die Nachfrage nach seinen Dienstleistungen in seinem Heimatbundesland Baden-Württemberg stark gestiegen ist.
"Vor zehn Jahren war deutlich mehr Kapital im Markt, und bei Insolvenzverfahren wurden oft Investoren oder Nachfolger gefunden," sagte er. Die Zahl der Unternehmen ohne tragfähige Nachfolgelösung sei inzwischen "alarmierend hoch".
Eine Welle von Restrukturierungen zieht sich durch den industriellen Gürtel Baden-Württembergs.
"Es gibt einen Dominoeffekt," sagte Matthias Bianchi, Public-Affairs-Leiter des DMB, der den deutschen Mittelstand vertritt. "Diese Krise der Leitindustrien sickert langsam durch."
Die Arbeitslosigkeit in Baden-Württemberg liegt weiterhin unter dem Bundesdurchschnitt, stieg jedoch von 3,9% im Januar 2023 auf 4,8% im Januar 2026.
Ökonomen erklären, dass die Arbeitslosigkeit im Land nicht stärker gestiegen ist, weil Unternehmen aus Angst vor zukünftigem Fachkräftemangel Mitarbeiter halten, auch wenn die Nachfrage sinkt ("Labour Hoarding").
"Die Mitarbeiter, die ich hier ausgebildet habe, sind unersetzlich. Wenn sie morgen gehen, kann ich sie übermorgen nicht ersetzen – unmöglich," sagte Braun von Dostech.
Doch auch für ihn ist das Personalthema eine Herausforderung. Sobald er entscheidet, jemanden auf eine neue Position zu setzen, wird der Prozess zu einer "Odyssee" aus Papierkram, wechselnden Ansprechpartnern bei den Behörden und langen Wartezeiten auf Genehmigungen.
Obwohl der Anstieg der Arbeitslosigkeit bislang moderat ist, deuten laut Hanno Kempermann, Ökonom und Geschäftsführer von IW Consult, andere Indikatoren auf einen schwächeren Arbeitsmarkt hin. Die Zahl der offenen Stellen in Baden-Württemberg sei gegenüber 2022 um 30% gesunken, und Unternehmen planen, bis 2030 rund 14.000 Jobs in der Automobilbranche abzubauen.
"Die Lage ist sehr angespannt," sagte Barbara Resch, Landeschefin der IG Metall in Baden-Württemberg. "Die Zulieferer haben viel in Elektromobilität investiert, aber die Nachfrage bleibt aus und irgendwann geht ihnen einfach finanziell die Luft aus."
Die Hauptgewerkschaft bei Unternehmen wie Mercedes und Volkswagen, IG Metall, versucht, Jobs zu sichern, indem sie Vereinbarungen über kürzere Arbeitszeiten abschließt.
"Im Moment trifft es alle: Ausbildungsplätze werden reduziert und auch Hochqualifizierte sind ernsthaft gefährdet," so Resch.
EINE ASYMMETRISCHE WIRTSCHAFTSLANDSCHAFT
Während sich der Automobilsektor in einer tiefen Strukturkrise befindet und exportabhängige Industrieunternehmen zu kämpfen haben, wachsen andere Bereiche der Wirtschaft stark, sagt Bianca Schmitz, Gründungsdirektorin des Hidden Champions Institute an der ESMT Berlin.
"Es ist eine Asymmetrie, die man hier findet," sagte sie mit Blick auf schnell wachsende Unternehmen in Automatisierung und Robotik, Medizintechnik sowie Software und IT.
Das Bundesland steht für mehr als ein Viertel der gesamten deutschen Ausgaben für Forschung und Entwicklung und unterstreicht damit, wie stark das ökonomische Modell des Südwestens auf innovationsintensive Industrie und angewandte Forschung setzt. Die F&E-Investitionen betragen etwa 5,7% des Bruttoinlandsprodukts – fast doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt.
WAS SOLLTEN POLITIKER TUN?
Die Auswirkungen der wirtschaftlichen Flaute sind nicht nur in Städten wie Stuttgart und Sindelfingen zu spüren, sondern auch in kleinen Orten und Dörfern, wenn ein Autozulieferer plötzlich Personal abbaut oder keine neuen Mitarbeiter einstellt. Das kann die Finanzen der Kommunen belasten.
"Die Menschen merken es, wenn die Öffnungszeiten kommunaler Einrichtungen gekürzt werden und die Kita-Gebühren steigen," sagte Friedrich Heinemann, Ökonom am ZEW Wirtschaftsinstitut. "Das trifft ins Mark."
Fünf für diesen Artikel befragte Ökonomen sagten, Unternehmen mit Subventionen am Leben zu halten, wäre ein Fehler – eine Meinung, die auch Reint Gropp, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), teilt.
"Wir müssen einen Prozess des Verdrängungswettbewerbs zulassen, bei dem neue Ideen die alten ablösen," sagte er gegenüber Reuters.
Doch wenn das künstliche Am-Leben-Halten von Unternehmen zum Erhalt der Industrie keine Option ist, was sollte die nächste Landesregierung tun, um die träge Wirtschaft wiederzubeleben?
Viele Unternehmer geben die gleiche Antwort: Investitionen in Infrastruktur wie ultraschnelles Internet, Straßen und Schienen.
Die Regierung Merz genehmigte im vergangenen Jahr einen Fonds über 500 Milliarden Euro für diesen Zweck und reformierte die Verschuldungsregeln der Länder, doch laut Ökonomen ist das Geld bisher noch nicht geflossen.
Von den 100 Milliarden Euro, die an die Länder gehen, erhält Baden-Württemberg 13 Milliarden Euro, so Kempermann, davon gehen 8,7 Milliarden Euro an die Kommunen.
"Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, denn es reicht nicht aus, um die über 20 Jahre entstandenen Infrastrukturdefizite zu beseitigen," sagte er.
Was eine Landesregierung tun kann, so Heinemann, ist, den Haushalt auf das wirtschaftlich Notwendige für Wachstum auszurichten: ein gutes Bildungssystem, gute Straßen, digitale Netze, F&E.
"Wir müssen uns anschauen, was Baden-Württemberg macht und ob es den sehr grundlegenden Strukturwandel meistert," sagte Schmitz. "Es steht an der Spitze dessen, was derzeit in Deutschland passiert."



















