Frankfurt, 04. Feb (Reuters) - Die Deutsche Telekom sagt mit ihrer industriellen KI-Cloud den Marktführern aus den USA den Kampf an. "Unsere KI-Fabrik ist die Basis für innovative Geschäftsmodelle, für die Industrie, Startups und den Staat - und für Souveränität", sagte Telekom-Chef Tim Höttges bei der Eröffnungsveranstaltung am Mittwoch. "Wir beweisen hier, dass Europa KI kann." Die Anlage diene auch einer künftigen Bewerbung für den geplanten Bau einer KI-Gigafactory. "Wir sind die Einzigen in Europa, die ein solches Referenzprojekt vorweisen können."

Die Europäische Union (EU) will den Bau fünf besonders leistungsstarker Rechenzentren für Künstliche Intelligenz (KI) fördern. Eines davon soll in Deutschland entstehen. Die Kosten hierfür beliefen sich auf acht bis zehn Milliarden Euro, erläuterte Höttges. "Das setzt den Staat als Ankerkunden voraus." Dieser müsse mit Aufträgen eine Mindestauslastung der Rechner sicherstellen, damit sich die Investitionen rechnen. Darüber hinaus seien wettbewerbsfähige Energiepreise unverzichtbar. Ansonsten wanderten Kunden zu günstigeren Anbietern ab.

Im Vergleich zu den sogenannten Hyperscalern Amazon Web Services (AWS), Microsoft und Google erscheinen die europäischen Pläne bescheiden. Die drei weltgrößten Cloud-Anbieter wollen 2026 jeweils mehrstellige Milliardenbeträge in KI-Infrastruktur investieren. Einer Prognose der Beratungsfirma Gartner zufolge fließen in den kommenden Monaten weltweit rund 650 Milliarden Dollar in den Bau neuer Rechenzentren.

KI-TRAINING IN BAYERN

Die KI-Fabrik in München hat die Telekom für eine Milliarde Euro mit 10.000 Spezialprozessoren von Nvidia ausgerüstet. Der Walldorfer Konzern SAP liefert die notwendige Software. Einige Unternehmen wie der Münchener Roboterbauer Agile Robots haben bereits Rechenkapazitäten der KI-Fabrik gebucht. Damit sei die Anlage zu 30 Prozent ausgelastet, sagte Ferri Abolhassan, der Chef der für das Cloud-Geschäft zuständigen Telekom-Tochter T-Systems. Er sei zuversichtlich, für die restlichen 70 Prozent schnell Interessenten zu finden. Der offizielle Vertrieb beginne erst. Bei Bedarf könne die Münchener Anlage erweitert werden.

Die neuen Hochleistungsrechner würden auch dazu genutzt, eine europäische Antwort auf ChatGPT zu trainieren, sagte Jörg Bienert, der Chef des KI Bundesverbands. Industrieanwendungen seien häufig auch sprachbasiert. Daher bedürfe es alternativer Angebote. Mehrere deutsche Forschungseinrichtungen arbeiten an Soofi (Sovereign Open Source Foundation Models). Dieses Sprachmodell soll Unternehmen und staatlichen Institutionen als Grundlage für die Entwicklung eigener KI-Anwendungen dienen.

Vor einigen Tagen hatte die Telekom zudem angekündigt, bei ihren klassischen Cloud-Angeboten technologisch zu den großen US-Anbietern AWS, Microsoft und Google aufzuschließen. "Unternehmen mussten bisher wählen: maximale Funktionalitäten aus Übersee oder europäische Souveränität", sagte T-Systems-Chef Abolhassan. Die "T Cloud Public" ermögliche eine vollständig EU-konforme Datenverarbeitung ohne Zugriff von Drittstaaten. Sie lasse sich zudem nahtlos mit der industriellen KI-Cloud kombinieren.

(Bericht von Hakan Ersen, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)