Im Vatikan betritt das IOR (Istituto per le Opere di Religione, besser bekannt als Vatikanbank) mit der Lancierung zweier thematischer ETF klar modernes Terrain: Einer fokussiert sich auf US-Aktien, der andere auf die Eurozone.
Das Versprechen: Kapitalmarkt und katholische Prinzipien miteinander zu verbinden.
Die beiden Indizes mit den Namen Morningstar IOR US Catholic Principles und Morningstar IOR Eurozone Catholic Principles umfassen jeweils 50 mittelgroße bis große Unternehmen, die nach strengen, an der katholischen Soziallehre orientierten Kriterien ausgewählt wurden. Offiziell sind diese Benchmarks nach gängigen Marktstandards konstruiert, erfüllen „katholisch-ethische“ Kriterien und sollen „als Referenz für katholische Investments weltweit“ dienen. Praktisch geht es darum, Aktienportfolios mit moralischem Anspruch zusammenzustellen und Branchen auszuschließen, die als unvereinbar mit der kirchlichen Lehre gelten – etwa Abtreibung, Waffen oder fossile Energien.
Jeder der beiden Körbe enthält somit 50 sorgfältig ausgewählte Titel. Auf US-Seite finden sich Technologieriesen und Konsumgiganten wie Meta, Amazon, Nvidia, Tesla oder Apple. Diese Auswahl kommt nicht von ungefähr: Es handelt sich häufig um die größten Gewichtungen im US-Referenzindex, die bereits von Morningstar identifiziert wurden. Einige dieser Unternehmen stehen allerdings regelmäßig wegen Arbeitsbedingungen, Datenschutzpraktiken oder ihrer gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen in der Kritik.

Morningstar
Im Eurozonen-ETF zählen zu den größten Positionen die Schwergewichte: ASML (Halbleiter), Deutsche Telekom, SAP, Banco Santander, LVMH...

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Diese als „Mainstream“-Werte einzustufenden Titel gelten laut Initiatoren als „vereinbar mit den katholischen Lehren zu Lebensschutz, sozialer Verantwortung und Umweltschutz“. Die Indizes greifen auf breite Ausgangsuniversen zurück – den Morningstar US Large-Mid Index für den US-ETF sowie den Morningstar Eurozone Large-Mid Index für den Euro-ETF – aus denen Morningstar jene Werte herausfiltert, die den Vorgaben des Vatikans entsprechen.
Damit reihen sich die neuen Indizes in den globalen Trend zu ESG- und Themenfonds ein. Sie betreten allerdings einen bereits stark besetzten Markt thematischer und ethischer ETF, zu dem etwa der S&P 500 Catholic Values Index oder andere bereits notierte „christliche“ ETF zählen.
Darüber hinaus verfolgt der Heilige Stuhl das Ziel, die Entwicklung thematischer Finanzprodukte innerhalb der Kirche zu „katalysieren“ – im Sinne der Prinzipien der Enzyklika Laudato si’ und weiterer päpstlicher Lehren zu einer menschlicheren Wirtschaftsordnung.
Für das IOR besitzt der Schritt zugleich eine hohe symbolische Bedeutung: Er ist Teil des Prozesses zur Image-Rehabilitation der Vatikanbank nach Jahrzehnten von Skandalen. Die ETF-Auflage folgt auf tiefgreifende Reformen unter Papst Franziskus – darunter die Schließung verdächtiger Konten, eine verschärfte Finanzaufsicht, die Veröffentlichung von Jahresabschlüssen sowie die Berufung externer Führungskräfte –, mit dem Ziel, die vatikanischen Finanzen zu konsolidieren und transparenter zu gestalten.
Ein diversifiziertes Vermögen – aber unter Druck
Zur Einordnung ist festzuhalten, dass der Heilige Stuhl über umfangreiche finanzielle Ressourcen verfügt, wenngleich diese im globalen Maßstab vergleichsweise bescheiden sind. Anders als ein Staat erhebt der Vatikan weder Mehrwertsteuer noch Einkommenssteuern und begibt keine Staatsanleihen. Die Einnahmen stammen vor allem aus dem umfangreichen Immobilienbestand in Italien – Büros, Kirchen, Schulen, Krankenhäuser – sowie aus den Vatikanischen Museen, die 2022 rund 65 % des Budgets ausmachten. Etwa 30 % entfallen auf Spenden. Weitere Mittel fließen aus angeschlossenen Einrichtungen wie dem Kinderkrankenhaus Bambino Gesù, aus Museumstickets sowie aus Kapitalerträgen, die vom IOR, der APSA (Verwaltung des Patrimoniums des Apostolischen Stuhls) und anderen Institutionen erwirtschaftet werden.
Der Jahresbericht 2024 des IOR weist einen Nettogewinn von 32,8 Mio. EUR aus, ein Plus von 7 % gegenüber 2023. 13,8 Mio. EUR wurden als Dividende für wohltätige Zwecke ausgeschüttet, die Papst Franziskus karitativen Projekten zuführte. Die APSA meldete für 2024 ein positives Ergebnis von 62,2 Mio. EUR, gestützt auf rund 4.000 Immobilien, von denen viele allerdings nicht gewinnorientiert genutzt werden. Insgesamt weist der Posten „Finanzverwaltung“ im Budget 2024 einen Gewinn von rund 38,1 Mio. EUR aus Kapitalanlagen und Vermögensverkäufen aus, was wesentlich zur Kompensation des operativen Defizits beitrug. Der Heilige Stuhl verfügt somit über ein diversifiziertes Portfolio aus Aktien, Anleihen, Immobilien und treuhänderisch verwalteten Spenden, das bei professioneller Bewirtschaftung zu den wenigen stabilisierenden Faktoren der vatikanischen Bilanz zählt.
Vergangene Skandale und Reformen: der Schatten der Geschichte
Der Anspruch, „mit Gewissen zu investieren“, ist auch historisch motiviert. Die vatikanischen Finanzen waren über Jahrzehnte von Skandalen geprägt. Besonders bekannt sind die Fälle aus den 1970er- und 1980er-Jahren, als der Zusammenbruch der First National Bank in den USA und der Banco Ambrosiano in Italien den Heiligen Stuhl in zweifelhafte Geschäfte, Betrugsaffären und mafiöse Verflechtungen verwickelte.
Der Kollaps der Banco Ambrosiano im Jahr 1982 – unter Leitung von Roberto Calvi, dem sogenannten „Bankier Gottes“ – kostete den Vatikan über 250 Mio. USD und war von einem mysteriösen Mord in London überschattet. In jüngerer Zeit sorgten Immobiliengeschäfte für Schlagzeilen: Besonders aufsehenerregend war der Erwerb eines Prestigeobjekts in London zwischen 2014 und 2018, das 2022 mit einem Verlust von 140 Mio. EUR veräußert wurde und Kardinal Angelo Becciu einen Korruptionsprozess einbrachte. Auch das IOR selbst war betroffen: 2021 wurde sein ehemaliger Präsident Mario Di Divincenzo zu einer Haftstrafe verurteilt, nachdem er Vermögenswerte des Instituts betrügerisch an Komplizen verkauft hatte. Papst Franziskus leitete seinerzeit umfassende Reformen ein: Schließung von mehr als 1.000 verdächtigen Konten im Jahr 2014, transparente Veröffentlichung von Abschlüssen, Einrichtung von Finanzaufsichtsbehörden wie der ASIF sowie die Bildung eines Investitionskomitees zur Ausrichtung der Anlagen an der Soziallehre.
Diese Reformen zeigten Wirkung – die Schweiz und Moneyval würdigten die Angleichung des IOR an internationale Standards zur Geldwäschebekämpfung –, doch das Misstrauen aus der Vergangenheit ist nicht vollständig verschwunden. Die neuen „katholischen“ ETF sind somit auch Teil dieses Erneuerungsprozesses.
Ein Haushalt weiterhin unter Spannung
Haushaltspolitisch bleiben die vatikanischen Finanzen anfällig für konjunkturelle Schwankungen. Für 2022 wiesen die letzten geprüften Abschlüsse ein Defizit von rund 83 Mio. EUR aus. Erstmals seit Jahren verzeichnete die Ende 2025 veröffentlichte Bilanz 2024 einen leichten Überschuss von 1,6 Mio. EUR. Dieser beruhte jedoch maßgeblich auf außergewöhnlich hohen externen Spenden in Höhe von 79 Mio. EUR sowie auf positiven Finanzerträgen aus Vermögensverkäufen von rund 46 Mio. EUR. Der Turnaround ist somit vor allem auf Einmaleffekte – Immobilienverkäufe, Veräußerungen von Kunstwerken – und eine temporäre Großzügigkeit von Mäzenen zurückzuführen. Das strukturelle Defizit, also die Differenz zwischen laufenden Einnahmen und operativen Ausgaben, bleibt mit rund 44 Mio. EUR für 2024 erheblich.
Zudem berücksichtigt das offizielle Budget des Heiligen Stuhls – 1,2 Mrd. EUR im Jahr 2023 – weiterhin nicht die langfristigen Pensionsverpflichtungen. Der Pensionsfonds der vatikanischen Mitarbeiter weist eine Unterdeckung von mehr als 600 Mio. EUR auf. Faktisch befindet sich der Vatikan in einer dauerhaften Schere zwischen steigenden Fixkosten – Gehälter, Instandhaltung, Sicherheit, Diplomatie – und volatilen Einnahmen aus Spenden, Museumserlösen und Kapitalgewinnen. Interne Proteste und wiederholte Sparmaßnahmen verdeutlichen, dass die Finanzlage trotz des Mini-Überschusses angespannt bleibt.
Mehr als Symbolik – aber mit offenem Ausgang
Die doppelte ETF-Lancierung nach vatikanischem Vorbild steht an der Schnittstelle zwischen moderner Finanzarchitektur und christlicher Moral. Sie dürfte insbesondere bei vermögenden katholischen Anlegern auf Interesse stoßen. Ihr Erfolg hängt jedoch von der Glaubwürdigkeit des Konzepts ab: Handelt es sich um substanzielle Anlageinstrumente oder vor allem um ein kommunikatives Signal?
Kurzfristig dient die Initiative vor allem dazu, die Kohärenz der vatikanischen Kapitalanlagen mit den eigenen moralischen Grundsätzen zu unterstreichen. Langfristig bleibt die Herausforderung bestehen, ausreichend Mittel zur Finanzierung von Pensionen, Gehältern und pastoralen Aufgaben zu generieren, ohne an Glaubwürdigkeit einzubüßen. Ob diese partielle Hinwendung zu einem „ethischen Kapitalismus“ ausreicht, um den strukturellen Druck auf die vatikanischen Finanzen nachhaltig zu mindern, wird sich erst noch zeigen.






















