Chipwerte versuchen sich heute Morgen bereits zu stabilisieren. Nvidia legte im vorbörslichen Handel zu, und der gesamte Halbleitersektor zog mit. Marvell, Intel, Micron sowie der iShares Semiconductor ETF notierten höher. Auch Analog Devices gewann hinzu, nachdem das Unternehmen die Übernahme von Empower Semiconductor für 1,5 Mrd. US-Dollar in cash angekündigt hatte. Der Zukauf soll die Position im Bereich KI-bezogenes Energiemanagement stärken.
Die Anleger achten inzwischen auf jedes Signal, das die Erzählung vom KI-Boom ins Wanken bringen könnte. Für leichte Unruhe sorgt derzeit Leopold Aschenbrenner, dessen Hedgefonds Situational Awareness laut jüngster 13F-Meldung eine deutlich pessimistische Haltung gegenüber vielen großen KI-Chipgewinnern einnimmt. Der Fonds hält umfangreiche Put-Optionen gegen Nvidia, den VanEck Semiconductor ETF, Broadcom, Oracle, AMD, TSMC, ASML und Intel. Die Wetten deuten darauf hin, dass der ehemalige OpenAI-Forscher – bekannt durch sein 2024 veröffentlichtes KI-Papier „Situational Awareness“ – Risiken in den am stärksten überlaufenen Bereichen des KI-Trades sieht, auch wenn sein Fonds nicht grundsätzlich gegen KI positioniert ist. Gleichzeitig hält er bullische Call-Positionen in Titeln wie SanDisk, CoreWeave, CleanSpark und Bloom Energy, was auf eine Präferenz für andere Segmente der KI-Infrastruktur schließen lässt. Die Veröffentlichung heizt damit die Debatte an, ob die Euphorie rund um KI-Aktien inzwischen zu weit gegangen ist.
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen gab heute leicht nach und bewegte sich bei etwa 4,64 % bis 4,65 %, nachdem sie in der vorherigen Sitzung ein 16-Monats-Hoch erreicht hatte. Das half den Aktienfutures auf die Sprünge. Die Rendite 30-jähriger US-Anleihen erreichte jedoch rund 5,20 % – ein Niveau, das zuletzt 2007 gesehen wurde. Anleger müssen kaum daran erinnert werden, was auf 2007 folgte. Höhere Renditen bedeuten allerdings nicht automatisch das Ende einer Aktienrally. Manchmal spiegeln sie eine robuste Wirtschaft wider, manchmal machen sie alternative Anlagen schlicht attraktiver. Besorgniserregend ist diese Bewegung am Anleihemarkt dennoch, weil sie auf Folgendes hindeutet: Die Inflation könnte noch nicht besiegt sein, die Staatsverschuldung wird teurer und die US-Notenbank könnte weniger Spielraum für Zinssenkungen haben als erhofft. Deshalb dürften die heute veröffentlichten Fed-Protokolle genau beobachtet werden, insbesondere mit Blick auf Bilanzpolitik und Inflationsrisiken.
Die Inflation nähert sich bereits einer Gefahrenzone für Aktienmärkte. Die Verbraucherpreise beschleunigten sich im April auf 3,8 %. Bank of America weist darauf hin, dass der S&P 500 historisch betrachtet oft unter Druck geriet, wenn die Inflation in den USA über 4 % stieg. Das garantiert keinen weiteren Abverkauf, erklärt aber die Nervosität der Anleger.
Brent-Öl notierte trotz des heutigen Rückgangs weiterhin bei rund 110 US-Dollar je Barrel. Für etwas Erleichterung sorgten Berichte, wonach Tanker die Straße von Hormus passiert hätten, sowie Donald Trumps Aussage, der Krieg mit dem Iran könne sehr schnell enden. Gleichzeitig warnte Trump jedoch davor, dass US-Angriffe wieder aufgenommen werden könnten. Washington will Teheran zu einem Abkommen bewegen, während der Iran offenbar glaubt, Zeit arbeite eher für die eigene Seite – oder sei zumindest ein nützliches Druckmittel.
Parallel dazu gewinnt der US-Dollar an Stärke. Der globale Ausverkauf am Anleihemarkt hat US-Renditen attraktiver gemacht und Kapital in den Greenback gelenkt. ING argumentiert, dass sich diese Episode von jener des Jahres 2025 unterscheidet, weil diesmal Inflationsängste – und nicht Fiskalsorgen – die Bewegung antreiben.
Unter den Unternehmensnachrichten hob Cava nach starkem Umsatzwachstum seine Jahresprognose an. Red Robin legte nach besser als befürchteten Ergebnissen zu. Mayville Engineering und Viavi Solutions gerieten dagegen unter Druck, nachdem beide Unternehmen Aktienplatzierungen zur Schuldentilgung angekündigt hatten. Auch Target veröffentlicht heute Zahlen. Zudem könnten die Unterlagen für den Börsengang von SpaceX Berichten zufolge noch heute öffentlich werden – sofern die Pläne Bestand haben. In einem anderen Marktumfeld wäre das vermutlich die große Schlagzeile des Tages gewesen. Heute konkurriert das Thema jedoch mit Nvidia, Öltankern und den Fed-Protokollen. Schwieriges Umfeld.
Zum Abschluss dieser Kolumne noch ein Blick auf Trumps jüngstes juristisches Drama. Er hat einen Rechtsstreit gegen seine eigene Regierung beigelegt, indem er einen Fonds über 1,776 Mrd. US-Dollar für mutmaßliche Opfer „politischer Instrumentalisierung“ geschaffen hat. Gemeint sind Personen, die behaupten, von Bundesbehörden aus politischen Gründen ins Visier genommen worden zu sein – insbesondere unter der Biden-Regierung. Dazu dürften sowohl Beteiligte am 6. Januar als auch Freunde und Familienmitglieder Trumps zählen. Medienberichten zufolge schafft der Fonds nicht nur einen politisch verwalteten Entschädigungstopf für Trump-nahe Anspruchsteller, sondern schützt Trump, seine Familie und seine Unternehmen auch vor einer weiteren Prüfung durch die Steuerbehörde IRS im Zusammenhang mit früheren Steuererklärungen.
Dax tastet sich nur langsam an 25.000 Punkte heran
Der Dax kommt auf dem Weg zur Marke von 25.000 Punkten nur in kleinen Schritten voran. Am Nachmittag legte der deutsche Leitindex um 0,3% auf 24.474 Punkte zu und blieb damit unter dem Vortagshoch. Der MDax gewann 0,8% auf 31.575 Punkte, während der EuroStoxx 50 um 0,9% anzog. Nach dem Höhepunkt der Berichtssaison rückt nun die Hauptversammlungssaison in den Fokus. Besonders im Blick steht dabei die Commerzbank, die am Mittwoch zu ihrer Präsenzveranstaltung nach Wiesbaden eingeladen hat. Ex-Dividende wurden unter anderem Jungheinrich und Ottobock gehandelt.
Ottobock erholten sich nach dem massiven Kursrutsch vom Dienstag um 1,1%, auch wenn der Dividendenabschlag die Bewegung optisch dämpfte. Der Prothesenhersteller prüft rechtliche Schritte gegen den Leerverkäufer Grizzly. Dessen kritischer Bericht hatte die Aktie tags zuvor einbrechen lassen. Ottobock bezeichnete die Vorwürfe als „verleumderisch“ und „in hohem Maße irreführend“. Grizzly hatte dem Unternehmen eine aggressive Bilanzierung vorgeworfen.
Gefragt waren zudem europäische Halbleiterwerte vor den Quartalszahlen von Nvidia. ASML stiegen um 3,5%, BE Semiconductor und ASM International gewannen 2,8% beziehungsweise 2,7%. Infineon legten 2,6% zu, STMicroelectronics sogar 5,1%. Siemens Energy profitierten ebenfalls vom KI-Trend und stiegen um 2,5%, während SAP nach der jüngsten Erholung 1,6% nachgaben.
Im Fokus standen auch mehrere Platzierungen. Renk drehten nach anfänglichen Verlusten deutlich ins Plus und gewannen 5,6% auf 48,83 Euro. KNDS hatte laut Händlern Aktien zu 44,95 Euro je Anteil platziert. Marktteilnehmer werteten dies trotz kurzfristiger Belastung mittelfristig positiv, da sich damit das Risiko eines größeren Aktienüberhangs reduziere und der Streubesitz steige. Rückenwind erhielt der Rüstungssektor zudem von starken Zahlen des tschechischen Konzerns CSG. Rheinmetall und Hensoldt legten kräftig zu, Hensoldt gewannen sogar 6,2%. Dagegen gerieten Springer Nature mit minus 4,5% unter Druck. Händlern zufolge trennte sich BC Partners von rund 4,9 Millionen Aktien.
Auch Analystenkommentare bewegten die Kurse. Jefferies stufte Lanxess auf „Underperform“ ab, woraufhin die Aktie zeitweise deutlich nachgab und zuletzt noch 1,8% im Minus lag. Eine Kaufempfehlung für Evonik sowie eine Hochstufung von Brenntag sorgten dagegen kaum für Bewegung.
Außerhalb Deutschlands überzeugten zudem Euronext mit starken Quartalszahlen und einem Kursplus von 5,5%. Jefferies sprach von einer „meisterhaften Leistung“. Auch Marks & Spencer legten nach robustem Gewinnwachstum trotz eines Cyberangriffs um 3,3% zu. Besonders das Lebensmittelgeschäft entwickelte sich nach Einschätzung von Analysten zum Wachstumstreiber des britischen Einzelhändlers.

























