Über weite Strecken des vergangenen Jahres war der KI-Boom der Motor hinter der Erholung und den Rekordständen an der Wall Street. Investoren haben sich auf eine Art stillschweigenden Deal eingelassen: Die Tech-Giganten dürfen heute enorme Summen investieren, weil die künftigen Erträge noch gewaltiger ausfallen könnten. Rechenzentren, Chips, Cloud-Infrastruktur, neue Modelle, neue Tools – all das ist teuer. Doch solange der Markt an die späteren Gewinne glaubt, erscheinen diese Ausgaben visionär statt leichtsinnig.
Diese Überzeugung bekam in dieser Woche jedoch einen Dämpfer, nachdem berichtet wurde, dass OpenAI interne Ziele bei den wöchentlichen Nutzern und Umsätzen verfehlt habe. Ein einzelner Bericht beendet keinen Investitionszyklus – er lässt Anleger aber darüber nachdenken, ob der KI-Boom nicht schlicht zu teuer ist und sich zu schnell entwickelt.
Der Nasdaq gab gestern um 1 % nach, während sich der Dow kaum bewegte. Nach der kräftigen Rally bei Technologiewerten war es absehbar, dass Zweifel an Bewertungen und Renditen zurückkehren würden. Die heutigen Zahlen von Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta haben daher eine Bedeutung, die weit über die üblichen Überraschungen bei Umsatz und Margen hinausgeht. Investoren werden genau hinhören, ob sich die hohen KI-Investitionen bereits in realer Nachfrage, messbarer Produktivität und letztlich in Gewinnen niederschlagen. Microsoft und Alphabet lagen vorbörslich im Minus, während Amazon und Meta kaum verändert notierten.
Hinzu kommt Powell. Die heutige Fed-Entscheidung dürfte oberflächlich betrachtet unspektakulär ausfallen, da die Zinsen wohl unverändert bleiben. Dennoch handelt es sich wahrscheinlich um Powells letzte Sitzung als Vorsitzender, nachdem Kevin Warsh als Nachfolger nominiert wurde. Sein Abschiedsauftritt fällt in eine heikle Phase. Die Inflation ist noch nicht vollständig besiegt, die Ölpreise sind erhöht, und der Krieg rund um Iran belastet den Ausblick – insbesondere wegen der Risiken für die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Öltransportrouten der Welt. Bleiben die Energiepreise hoch, könnte sich die Inflation als hartnäckiger erweisen. Belastet der Konflikt gleichzeitig das Wachstum, droht der Notenbank das klassische Dilemma: zu hohe Preise bei zu schwacher Konjunktur.
Vor diesem Hintergrund dürfte Powell den Märkten kaum Trost spenden. Zwar hoffen Investoren auf Hinweise zu Zinssenkungen, doch die Fed hat wenig Anlass, solche Signale zu geben. Ein vorsichtiger, leicht restriktiver Ton wäre daher keine Überraschung. Powell wurde während seiner Amtszeit oft vorgeworfen, zu langsam, zu schnell, zu viel oder zu wenig zu handeln – seine letzte Botschaft dürfte weniger darauf abzielen, die Märkte zufriedenzustellen, als vielmehr die Institution zu schützen, die er hinterlässt.
Zurück zum Markt: Robinhood geriet nach verfehlten Gewinnerwartungen deutlich unter Druck, während Seagate dank eines optimistischen Ausblicks zulegte – gestützt durch die Nachfrage nach KI-getriebenen Datenspeicherlösungen. Auch NXP Semiconductors sprang an, nachdem das Unternehmen bessere Umsätze und Gewinne als erwartet in Aussicht stellte. Visa und Mastercard profitierten von weiterhin robusten Konsumausgaben, während Starbucks nach einer Anhebung der Jahresgewinnprognose zulegte.
Der Energiesektor bleibt der Unsicherheitsfaktor. Die Ölpreise hielten sich auf erhöhtem Niveau, nachdem Berichte aufgekommen waren, wonach Trump seine Berater angewiesen habe, sich auf eine verlängerte Blockade gegen Iran vorzubereiten – auch wenn andere Signale darauf hindeuten, dass Teheran einer Wiederöffnung der Straße von Hormus näherkommen könnte. Der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC sorgt für zusätzliche Unsicherheit. Langfristig könnte dies eine stärkere Annäherung an die USA und möglicherweise ein höheres Angebot bedeuten, doch ein kurzfristiger Produktionsanstieg am Golf erscheint angesichts regionaler Kapazitätsgrenzen unwahrscheinlich.
























