Die geopolitischen Schwankungen bestimmen weiterhin den Ton an den Finanzmärkten. Das Weiße Haus erklärte am Samstag, die Positionen hätten sich in Richtung einer möglichen Vereinbarung angenähert. Teheran wiederum betonte, dass die üblichen Streitpunkte - insbesondere rund um die Nuklearfrage - weiterhin ungelöst seien. Donald Trump erklärte am Sonntag zudem, beide Seiten würden sich die nötige Zeit nehmen, um einen tragfähigen Kompromiss auszuarbeiten. Außenminister Marco Rubio sagte heute Morgen, dass inzwischen ein konkreter Vorschlag für zeitlich begrenzte Atomverhandlungen auf dem Tisch liege. Das Ganze hat einen gewissen Déjà-vu-Charakter, doch der Rückgang von Brent unter die symbolische Marke von 100 US-Dollar je Barrel zeigt, dass Investoren die jüngsten Entwicklungen ernst nehmen. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch die gestiegene Zahl an Schiffen, die in den vergangenen beiden Tagen die Straße von Hormus passieren durften. Auch die Anleihemärkte haben sich stabilisiert. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist von 4,6 % am Freitag auf aktuell 4,48 % gefallen.

An den Aktienmärkten sorgte der außergewöhnliche Rückenwind durch künstliche Intelligenz vergangene Woche weiter für Auftrieb an der Wall Street. Der S&P 500 verzeichnete inzwischen acht Wochengewinne in Folge – die längste Serie seit den neun aufeinanderfolgenden Wochenanstiegen zwischen dem 30. Oktober und dem 29. Dezember 2023. Der breite US-Index liegt damit seit Jahresbeginn 2026 um 9,2 % im Plus. Noch am 30. März hatte er seit Jahresbeginn 7,3 % im Minus notiert. Europa reagierte weniger spektakulär, doch auch der STOXX Europe 600 gewann seit Jahresbeginn 5,6 %. In der vergangenen Woche schloss der Index jede Sitzung im positiven Bereich und liegt nun nur noch 1,4 % unter seinem Rekordhoch vom 27. Februar, das kurz vor Ausbruch des Kriegs mit dem Iran erreicht worden war.

Solange die Lage im Nahen Osten ungelöst bleibt, wird Inflation das zentrale Thema bleiben. Die Terminmärkte signalisieren inzwischen, dass Händler noch in diesem Jahr mit einer Zinserhöhung der US-Notenbank rechnen – eine deutliche Kehrtwende gegenüber den vorherrschenden Erwartungen zu Jahresbeginn. Dennoch zeigen sich die Anleger weitgehend unbeeindruckt und vertrauen darauf, dass das außergewöhnliche Gewinnwachstum der US-Unternehmen auch höhere Zinsen verkraften kann.

An dieser Stelle kommt Ed Yardeni ins Spiel. Der Stratege, bekannt für seine Vorliebe für eingängige Börsenbegriffe, hat am Wochenende versucht, das Akronym FOMO durch FEMO zu ersetzen. FOMO – „Fear Of Missing Out“ – beschreibt Anleger, die (aus Angst) kaufen, weil alle anderen kaufen, wodurch Bewertungen künstlich aufgebläht werden. FEMO hingegen steht für „Fabulous Earnings Momentum“ und beschreibt einen Markt, der von tatsächlicher Gewinnstärke getragen wird. Laut Yardeni beruht die Begeisterung für KI-Aktien daher eher auf FEMO als auf FOMO. Sein Argument: Trotz der Rally des S&P 500 in diesem Jahr sinkt das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis sogar. Das sei kaum das klassische Merkmal einer Blase, die ausschließlich von Euphorie getrieben werde. Viele Investoren scheinen diese Sichtweise zu teilen, was trotz Warnsignalen vom Anleihemarkt weiterhin für Kaufinteresse sorgt.

Die Veröffentlichung des US-PCE-Inflationsindikators am Donnerstag dürfte ein klareres Bild davon liefern, wie gut der Markt Inflationsdruck verkraften kann. Die Kennzahl wird von der Federal Reserve bei der Steuerung ihrer Geldpolitik besonders aufmerksam verfolgt. Allerdings gilt die PCE-Inflation als nachlaufender Indikator, da sie erst nach den klassischen Inflationsdaten und den Produzentenpreisen veröffentlicht wird, die bereits im April eine deutliche Beschleunigung signalisiert hatten. In Europa richtet sich der Fokus am Freitag auf die erste Schätzung der Mai-Inflation in den wichtigsten Volkswirtschaften der Eurozone. Für Deutschland, Frankreich und Italien wird jeweils ein stärkerer Preisauftrieb erwartet, ausgelöst durch den kräftigen Anstieg der Ölpreise.

Weitere Entwicklungen zum Wochenauftakt:

  • Die Märkte in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und der Schweiz sowie in Hongkong und Südkorea bleiben geschlossen.
  • Russland hat die Ukraine bei einem der größten Angriffe auf Kiew der vergangenen Monate mit einer Oreschnik-Rakete attackiert.
  • Tulsi Gabbard ist von ihrem Posten als Direktorin der US-Geheimdienste zurückgetreten.
  • Bei einem Grubenunglück in China kamen mindestens 82 Menschen ums Leben.
  • Im ansonsten eher ruhigen Unternehmenskalender legen drei direkt oder indirekt mit KI verbundene Unternehmen Zahlen vor: Marvell, Salesforce und Dell.

Im asiatisch-pazifischen Handel übersprang Japans Nikkei 225 heute Morgen mit einem Plus von 3 % die symbolische Marke von 65.000 Punkten. Der Index hat seit Jahresbeginn nahezu 30 % zugelegt, getragen vor allem von KI-Werten. Auch andere geöffnete Märkte der Region legten zu: Australien gewann 0,45 %, Indien 1 % und Taiwan 3 %. Die westlichen Futures-Indikatoren deuten ebenfalls auf steigende Kurse hin.

Wirtschaftliche Höhepunkte:

Die gesamte Agenda gibt es hier.

  • EUR / USD: 1,16 $
  • Gold: 4.555,91 $
  • Rohöl (Brent): 98,14 $
  • Anleihe Vereinigte Staaten 10 Jahre: 4,48 %
  • BITCOIN: 77.385 $

In den Nachrichten:

  • Delivery Hero bestätigte Gespräche mit Uber Technologies über ein mögliches Übernahmeangebot zu 33 EUR je Aktie. Auch DoorDash soll Interesse zeigen. Laut Financial Times bereitet Uber eine höhere Offerte vor.
  • Mercedes-Benz plant die Einführung seines automatisierten Stadtfahrsystems in Deutschland im Jahr 2026.
  • Partners Group will gegen Grizzly Research wegen dessen kritischen Berichts juristisch vorgehen.
  • Galderma erhielt die FDA-Zulassung für ein Akne-Gel.
  • Orsted prüft laut Bloomberg den Verkauf von US-Erneuerbare-Energien-Anlagen im Wert von mehr als 1 Mrd. USD.
  • Novo Nordisk erhielt eine positive Stellungnahme der Europäischen Arzneimittelagentur für den 7,2-mg-Wegovy-Pen.
  • Die italienische CDP genehmigte die Aufstockung ihrer Beteiligung an Nexi auf 29,9%.
  • Nvidia-CEO Jensen Huang erklärte, die Prognose eines 200-Mrd.-USD-Marktes für CPUs schließe China mit ein.
  • Boeing wurde in einem Verfahren im Zusammenhang mit dem Grounding der 737 MAX freigesprochen.
  • „Baby Yoda“ belebt das Star-Wars-Franchise (Walt Disney) mit einem weltweiten Kinostart von 165 Mio. USD neu.
  • BHP Group profitierte von stark steigenden Preisen für Kokskohle nach einer Explosion in einer chinesischen Mine.

Weitere Nachrichten von Unternehmen, die in Deutschland notiert sind, finden Sie hier.

Analystenempfehlungen:

  • Delivery Hero SE: Oddo BHF stuft von Neutral auf Underperform herunter und erhöht das Kursziel von 20 EUR auf 33 EUR.
  • RWE AG: Grupo Santander bestätigt Outperform und erhöht das Kursziel von 49 EUR auf 66,35 EUR.
  • Compagnie Financière Richemont SA: Anchor Securities Stockbrokers bestätigt Buy und senkt das Kursziel von 183 CHF auf 180 CHF.
  • Hochtief AG: Bernstein bestätigt Market Perform und erhöht das Kursziel von 435,90 EUR auf 532,60 EUR.
  • Siemens Energy AG: CICC bestätigt Outperform und erhöht das Kursziel von 123 EUR auf 210 EUR.
  • Inditex SA: JB Capital Markets S.V., S.A. bestätigt Neutral und senkt das Kursziel von 50,50 EUR auf 49,60 EUR.
  • easyJet Plc: UBS bestätigt Buy und senkt das Kursziel von 635 GBX auf 555 GBX.