Der Brennpunkt des heutigen Handelstags ist derselbe, der die Börsenrally in diesem Jahr maßgeblich angetrieben hat: künstliche Intelligenz – und insbesondere die Chips, ohne die sie nicht möglich wäre. Samsung meldete einen 19-fachen Anstieg des Quartalsbetriebsergebnisses – eine Zahl, die normalerweise mit Begeisterung aufgenommen würde. Stattdessen geriet die Aktie in Seoul deutlich unter Druck, zog SK Hynix mit nach unten und belastete die gesamte KI-Lieferkette.
Wie ich in dieser Kolumne häufig schreibe, fragen Anleger längst nicht mehr, ob die Nachfrage nach KI-Chips stark ist. Das steht außer Zweifel. Sie fragen vielmehr, ob sich die außergewöhnlichen Gewinne von heute lange genug aufrechterhalten lassen, um die Investitionen der Hyperscaler in Höhe von mehreren 1.000 Mrd. US-Dollar in KI-Infrastruktur zu rechtfertigen. Südkorea liefert dafür derzeit das deutlichste Beispiel. Samsung und SK Hynix haben den KOSPI dank ihrer dominierenden Stellung bei Speicherchips – einem der heißesten Segmente des KI-Booms – zum weltweit erfolgreichsten großen Aktienindex gemacht. Die Nachfrage ist explodiert, das Angebot bleibt konzentriert, die Preissetzungsmacht ist enorm und die Margen haben ein Niveau erreicht, das selbst Nvidias einst spektakuläre Profitabilität beinahe gewöhnlich erscheinen lässt. Im vergangenen Jahr haben sich die Kurse von Samsung mehrfach vervielfacht, SK Hynix legte sogar noch stärker zu. 2026 ist der KOSPI bereits um rund 91 % gestiegen, nachdem er 2025 schon 76 % gewonnen hatte. Das ist keine gewöhnliche Börsenrally mehr – das ist ein senkrechter Start.
Das Problem solcher steilen Anstiege ist, dass jede kleine Schwankung plötzlich bedeutend erscheint. Südkoreanische Aktien sind inzwischen die zugespitzte Version des KI-Trades: spektakulär auf dem Weg nach oben und brutal auf dem Weg nach unten. Eine Bewegung von 3 % in Seoul wirkt mittlerweile fast schon unspektakulär.
Die heutige Korrektur sollte deshalb im richtigen Kontext betrachtet werden. Nach einer derart außergewöhnlichen Kursrally waren Gewinnmitnahmen nahezu unvermeidlich. Dass selbst Samsungs hervorragende Ergebnisse den Sektor nicht stützen konnten, bedeutet keineswegs das Ende des KI-Booms. Es zeigt jedoch, dass der Markt in eine anspruchsvollere Phase eingetreten ist. Gute Nachrichten allein reichen nicht mehr aus. Anleger verlangen den Beweis, dass sich der Boom fortsetzen kann, ohne dass die Margen schrumpfen, Kunden ihre Bestellungen zurückfahren oder neue Wettbewerber auftauchen.
Anzeichen wachsender Nervosität gibt es bereits. Micron, Western Digital, Sandisk, Intel, Marvell, Lam Research und Applied Materials gerieten vorbörslich unter Druck. Auch Nvidia gab nach, nachdem Berichte aufgekommen waren, wonach das chinesische Unternehmen DeepSeek einen eigenen KI-Chip entwickelt. Das stellt Nvidias Marktführerschaft kurzfristig zwar nicht infrage, wird von Investoren aber sehr genau beobachtet.
Die nächste Bewährungsprobe folgt bereits in wenigen Tagen. SK Hynix bereitet den Handelsstart an der New Yorker Börse vor. Das erwartete Emissionsvolumen von rund 28 Mrd. US-Dollar könnte den größten Börsengang eines ausländischen Unternehmens in der Geschichte der USA markieren.
Bemerkenswert ist zudem die Rotation unter der Oberfläche des Marktes. Morgan Stanley vertritt die Ansicht, dass die jüngste Schwäche bei Halbleiterwerten auf eine Ausweitung der Rally hindeuten könnte. Anleger würden demnach nicht aus dem KI-Thema aussteigen, sondern ihr Engagement von Chipwerten auf die Hyperscaler verlagern. Das wäre zumindest theoretisch eine gesündere Marktstruktur. Eine Rally, die von mehreren Branchen getragen wird, ist robuster als eine Entwicklung, die ausschließlich auf wenigen überhitzten Speicherchip-Aktien und viel Euphorie basiert.
Abseits des Technologiesektors sorgen weitere Faktoren für Bewegung. Die Ölpreise ziehen erneut an, nachdem über Angriffe auf Handelsschiffe in der Nähe der Straße von Hormus berichtet wurde – obwohl sich Rohöl zuvor wieder auf das Niveau vor Ausbruch des Konflikts zurückbewegt hatte. Brent notiert wieder über 73 US-Dollar je Barrel, WTI nähert sich der Marke von 70 US-Dollar. Analysten halten das Aufwärtspotenzial allerdings für begrenzt: Saudi-Arabien hat seine offiziellen Verkaufspreise für August gesenkt, die OPEC+ fährt ihre Produktionskürzungen weiter zurück, die Exporte aus der Golfregion erholen sich und der physische Markt bleibt gut versorgt. Dennoch genügt schon die Straße von Hormus, um selbst komfortabel wirkende Angebotsprognosen infrage zu stellen. Davon profitieren derzeit Energiewerte – Shell etwa legte zu, nachdem das Unternehmen auf ein stärkeres Gas-Handelsergebnis verwiesen hatte.
Auch auf Unternehmensebene gibt es Bewegung. Fiserv gewinnt nach Berichten, wonach das Unternehmen über einen Verkauf seines Debitkarten-Infrastrukturgeschäfts an US-Banken wie JPMorgan Chase und Bank of America spricht. Rivian hingegen gerät unter Druck, nachdem der Elektroautohersteller die Ausgabe von 75 Mio. neuen Aktien angekündigt hat – obwohl der Umsatz im zweiten Quartal die Erwartungen übertreffen dürfte. Die Reaktion des Marktes folgt einer bekannten Logik: Gute Umsatzprognosen sind erfreulich, Kapitalverwässerung hingegen deutlich weniger.
Damit richten sich die Blicke auf drei zentrale Fragen. Erstens: Kann der KI-Boom den Übergang von Euphorie zu kritischer Prüfung überstehen? Zweitens: Bleiben die Ölpreise trotz der erneuten Spannungen rund um die Straße von Hormus unter Kontrolle? Und drittens: Werden die Protokolle der jüngsten Fed-Sitzung die Anleger hinsichtlich des künftigen Zinspfads beruhigen?
KI-Ausverkauf belastet Dax – Anleger setzen auf klassische Branchen
Kräftige Kursverluste bei Aktien mit Bezug zur Künstlichen Intelligenz haben auch den Dax am Dienstag ins Minus gedrückt. Nach seiner Rekordserie der vergangenen drei Handelstage verlor der deutsche Leitindex am Nachmittag 0,6 % auf 25.663 Punkte, der MDax gab um 0,7 % auf 33.058 Zähler nach. Besonders stark unter Druck gerieten Technologiewerte. Siemens Energy verloren 7,2 %, belastet sowohl von der allgemeinen KI-Schwäche als auch von einer Herabstufung durch Barclays auf "Underweight". Infineon büßten 6,7 % ein, Hochtief 4,4 %. Im MDax brachen Elmos, Aixtron, Siltronic, Jenoptik und Suss Microtec um 4,5 % bis 10,6 % ein. Europaweit verloren STMicro und ASML bis zu 10 %, während BE Semiconductor nach den Vortagesverlusten weitere 5 % nachgaben.
Die kräftigen Gewinnmitnahmen im Technologie- und KI-Sektor führten zugleich zu einer Umschichtung in defensivere Branchen. Nahrungsmittelwerte legten im europäischen Sektorindex um 2,2 % zu, Haushaltsgüter gewannen 1,9 %. Pernod Ricard stiegen um 5,3 %, Carrefour um 3,7 % und Burberry um 3,4 %, unterstützt durch positive Analystenkommentare.
Abseits des Technologiesektors setzte sich die Erholung europäischer Autohersteller fort. Der Branchenindex Stoxx Europe 600 Automobiles & Parts näherte sich seiner 50-Tage-Linie. Im Dax gehörten BMW mit einem Plus von 2,4 % zu den stärksten Werten, Mercedes-Benz gewannen 1,9 %, Volkswagen 1,8 % und die Porsche AG im MDax 2 %. Positive Signale kamen zudem aus der deutschen Konjunktur. Die Industrieproduktion stieg im Mai um 0,9 % gegenüber dem Vormonat, nachdem bereits im April ein Plus von 0,2 % verzeichnet worden war. Nach Einschätzung von Pantheon Macroeconomics deuten die Industriedaten auf eine breit angelegte Erholung im zweiten Quartal hin – trotz höherer Energiepreise infolge des Iran-Krieges. Das verarbeitende Gewerbe sei damit auf Kurs für ein solides Quartal und signalisiere Aufwärtspotenzial für das Wirtschaftswachstum.
Im Fokus blieb zudem der Rüstungssektor. Die Aktien von TKMS gaben nach dem Kurssprung von 11 % am Vortag um 2,5 % nach. Inzwischen wurde bestätigt, dass Kanada zur Modernisierung seiner U-Boot-Flotte auch beim Kieler Marineschiffbauer bestellt. Der Auftrag gilt als politisches Signal zugunsten europäischer Rüstungsunternehmen, nachdem sich bereits Norwegen für denselben U-Boot-Typ entschieden hatte. Mit Blick auf den laufenden Nato-Gipfel in der Türkei verfolgten Anleger die weitere Entwicklung aufmerksam. Rheinmetall legten 0,6 % zu, während die schwedische Saab-Aktie um 3,3 % anzog.
Auch Analystenempfehlungen sorgten für Bewegung bei Einzelwerten. Kion gewannen leicht um 0,2 %, nachdem Morgan Stanley die Aktie auf "Overweight" hochgestuft hatte. Insgesamt dominierte jedoch die Vorsicht am Markt.



























