Frankfurt (Reuters) - Der Branchenverband VCI warnt angesichts der anhaltenden Talfahrt vor einem Kollaps der deutschen Chemieindustrie.
"Bei uns schrillen angesichts der aktuellen Zahlen die Alarmglocken immer lauter. Ja, es ist Alarmstufe Rot", sagte Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup am Dienstag in Berlin. Die Geschäftslage werde sich in den kommenden Monaten nicht verbessern, eine Trendwende sei nicht in Sicht. "Wenn politisch nicht Entscheidendes passiert, wird die Industrie am Standort Deutschland zwischen den Transformationskosten und der Bürokratie buchstäblich zerrieben. Der Knock-out rückt immer näher."
Die Chemieproduktion stecke in einem 30-Jahre-Tief, sagte Große Entrup. "Wir sind auf dem Niveau von 1995." Auch Branchenvertreter wie Lanxess-Chef Matthias Zachert sprechen von einer der schwersten Krisen der vergangenen Jahrzehnte. "Wir sind nicht mehr zehn vor zwölf in der Industrie, wir haben nach zwölf", hatte Zachert erst vergangene Woche gesagt. Die Deindustrialisierung in energieintensiven Bereichen sei bereits im Gange. Große Entrup warnte: "Was einmal an industrieller Wertschöpfung in Deutschland verloren geht, kommt nicht mehr zurück. Was weg ist, ist weg."
Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts hat sich das Geschäftsklima in der Chemie im Oktober deutlich verschlechtert, unter anderem wegen des dünnsten Auftragspolsters seit mehr als 30 Jahren. Auch die Industrie insgesamt schätzt ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit laut einer weiteren Ifo-Erhebung schlechter ein als je zuvor. Besonders dramatisch ist die Lage in den energieintensiven Branchen: Mehr als jedes zweite Chemieunternehmen meldete eine sinkende Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Ländern außerhalb der EU. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte am Montag den Handlungsdruck unterstrichen. "Aktuell zahlen Unternehmen in Deutschland etwa fünffach so hohe Gas- und dreifach so hohe Strompreise wie in den USA - und das ist zu viel."
"MITTELSTAND ERSÄUFT IN BÜROKRATIE"
Der VCI fordert von der Politik einen "industriellen Befreiungsschlag". Statt einer langfristigen "Chemie-Agenda 2045" brauche es "20 Maßnahmen in den nächsten 45 Tagen". An erster Stelle stehe ein radikaler Bürokratieabbau. "Nehmt endlich die Abrissbirne zur Hand und habt den Mut, ganze Regelwerke zu kippen", sagte Große Entrup. "Der Mittelstand ersäuft buchstäblich in Bürokratie." Zudem müsse die Politik die CO2-Bepreisung nachjustieren und die Energiekosten weiter senken, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Im dritten Quartal setzte sich die Talfahrt in der Branche fort. Die Produktion der Chemie- und Pharmaindustrie sank im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 1,5 Prozent. Dies ging aber ausschließlich auf das Konto der Chemie, deren Produktion um 4,3 Prozent einbrach, während die Pharmaindustrie um 3,4 Prozent zulegte. Die Auslastung der Chemieanlagen sank weiter auf nur noch 70 Prozent und lag damit noch tiefer als im Vorquartal. Sie blieb damit deutlich unter der als rentabel geltenden Schwelle.
Der Branchenumsatz schrumpfte um 2,3 Prozent auf 52,1 Milliarden Euro. Besonders stark brach das Auslandsgeschäft ein: In Nordamerika um fast 20 Prozent, in Asien um mehr als zwölf. Hauptgründe seien mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und Vorzieheffekte im Pharmageschäft vor Zollerhöhungen. Die Krise schlägt zunehmend auf die Beschäftigung durch. Zwar sank die Zahl der Beschäftigten bislang nur um 0,5 Prozent auf knapp 478.000, doch nehmen Meldungen über geplanten Stellenabbau zu.
Für 2025 rechnet der VCI weiterhin mit einer stagnierenden Produktion und einem Umsatzrückgang von einem Prozent auf 221 Milliarden Euro. Auch Branchenprimus BASF erwartet keine schnelle Erholung. "In nahezu allen Branchen und Regionen war das Kaufverhalten der Kunden nach wie vor zurückhaltend", hatte BASF-Chef Markus Kamieth Ende Oktober gesagt. Wann sich die Nachfrage wieder erhole, sei "unheimlich schwer" vorherzusagen. BASF und weitere Branchengrößen wie Covestro und Lanxess hatten bereits in diesem Jahr ihre Geschäftsziele senken müssen. Doch auch im Pharmageschäft ziehen dem Verband zufolge dunkle Wolken auf. Ein hoher Preis- und Kostendruck im Inland, die "erratische US-Handelspolitik" und drohende Sonderzölle bremsten die Entwicklung.
Ein Umdenken forderte der VCI beim europäischen Emissionshandel. Das Instrument sei beschlossen worden, als die Rahmenbedingungen wie die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff und günstigem Strom noch andere gewesen seien. Da diese politischen Zusagen nicht eingelöst worden seien, führe der schrittweise Wegfall kostenloser CO2-Zertifikate nun zu massiven Zusatzkosten, kritisierte Große Entrup. Zwar ist ein steigender CO2-Preis das Grundprinzip des Systems, um Investitionen in klimafreundliche Technologien anzureizen, doch der VCI verlangt eine längere Übergangsfrist. "Wir wollen Klimaneutralität mit der Industrie erreichen und nicht ohne sie", sagte Große Entrup.
(Bericht von Patricia Weiß, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)



















