Stabile Verhältnisse unter Druck in Europa

Ein Boom wird in Europa nicht erwartet. Dennoch herrscht bei den analysierten Banken Einigkeit darüber, dass der Kontinent eine gewisse Stabilität bieten kann. In sämtlichen Prognosen wird der deutsche Haushalt als zentraler Impulsgeber genannt. Die Wirkungen des Konjunkturprogramms dürften jedoch begrenzt bleiben: Für 2026 wird sowohl für Deutschland als auch für Frankreich lediglich ein Wachstum von rund einem Prozent prognostiziert. Da Berlin im kommenden Jahr rund ein Fünftel seines 500-Milliarden-Euro-Investitionsprogramms ausgeben will, nährt sich das Vertrauen vor allem aus der Hoffnung, dass die europäische Lokomotive zu alter Stärke zurückfindet.

In der Geldpolitik sind sich alle vier Banken einig, dass die Eurozone ihr Inflationsziel früher erreichen dürfte als die USA – was der EZB mehr Spielraum verschaffen könnte als der US-Notenbank. Mehrere Institute heben die fortgesetzte Disinflation in Europa hervor und rechnen mit einer oder sogar mehreren Zinssenkungen im kommenden Jahr. Ein nicht zu unterschätzender Faktor sei der Zustrom chinesischer Waren auf den europäischen Markt, da die US-Nachfrage für ebendiese Produkte weiter zurückgehe. JPMorgan etwa stellt fest, dass der Anteil der USA an den chinesischen Exporten von 22 % im Jahr 2017 auf nunmehr 12 % gesunken ist.

Europa wird somit als konstruktives Investmentumfeld gesehen, insbesondere als Möglichkeit zur Diversifikation in weniger hoch bewertete Vermögenswerte. Auch wenn die politische Unsicherheit quer über den Kontinent hinweg hoch bleibt, könnte der Anstieg strategischer Investitionen zur Stärkung der Autonomie ein genaues Beobachten lohnen.

Zielmarke 2035 für China

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt steht im Zentrum globaler Handelsverwerfungen. Trotz anhaltender Spannungen mit den USA bleibt der chinesische Handelsüberschuss historisch hoch.

Die Regierung hat 2025 energisch daran gearbeitet, das Wachstumsziel von 5 % zu erreichen. Für die kommenden Jahre zeigen sich die vier Banken jedoch skeptischer. BNP Paribas etwa rechnet für 2027 mit einem BIP-Wachstum von unter 4 %.

Dennoch wird Chinas Fähigkeit zur Resilienz hervorgehoben. Das Land hat neue Wachstumsquellen identifiziert, nachdem die traditionellen Säulen – Immobilien und Massenexporte – den politischen Ambitionen Xi Jinpings nicht mehr gerecht wurden. Eines der zentralen Ziele ist es, das Bruttoinlandsprodukt zwischen 2020 und 2035 zu verdoppeln. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es eines durchschnittlichen jährlichen Wachstums von 4,17 % in der kommenden Dekade.

Als künftige Treiber gelten industrielle Innovationen, künstliche Intelligenz und Energieunabhängigkeit. Seit dem vergangenen Jahr übertrifft die digitale Wirtschaft Chinas Bau- und Immobiliensektor in puncto Umsätze – der Staffelstab ist übergeben.

In den kommenden Wochen wird die chinesische Führung die wirtschaftspolitischen Leitlinien für 2026 veröffentlichen. Der offizielle Wachstumszielwert folgt im März.

Viertes Wachstumsjahr für die Wall Street?

Steht der US-Aktienmarkt vor dem vierten Wachstumsjahr in Folge? Noch ist das offen. Derzeit zeigt sich die US-Wirtschaft weiterhin robust – vor allem dank eines ungebrochenen Verbrauchervertrauens, das international seinesgleichen sucht. Während Finanzminister Howard Lutnick für 2026 ein Wachstum von über 4 % prognostiziert, rechnet Barclays mit eher moderaten 2 %.

Die US-Notenbank versucht sich weiterhin an einem schwierigen Balanceakt: Sie will die Wirtschaft stützen, ohne die Inflation aus dem Blick zu verlieren. Die vier Banken erwarten für 2026 ein Zinssenkungsszenario – verbunden mit einem Führungswechsel an der Spitze der Fed im Mai. Damit würde sich der aktuelle Zyklus fortsetzen: Eine Wirtschaft mit Unterstützungsbedarf, flankiert von nachlassendem, aber noch spürbarem Inflationsdruck.

Künstliche Intelligenz dürfte der wichtigste Wachstumstreiber an den Börsen bleiben. Keine der vier Banken sieht derzeit die Gefahr einer Blasenbildung, auch wenn einige erste Warnzeichen erkennen. Die hohen Bewertungen bereiten weniger Sorge als die zunehmende Marktverengung. So erinnert Goldman Sachs daran, dass nur sieben Aktien inzwischen 40 % der Marktkapitalisierung des S&P 500 ausmachen.

Die rasante Verbreitung von KI – mit mittlerweile rund 800 Millionen aktiven ChatGPT-Nutzern pro Woche – sowie die weiterhin moderaten Schuldenstände im Technologiesektor mildern diese Sorgen etwas ab.

Sowohl in Europa als auch in den USA hat das Börsenjahr 2025 jene belohnt, die ihre Portfolios konzentriert geführt haben – zum Nachteil der klassischen Diversifikation. Voraussetzung war allerdings, dass man auf die richtigen Titel gesetzt hat. Barclays merkt treffend an, dass solche Dynamiken selten von Dauer sind.