Ein exogener Schock mit globaler Wirkung

Die Abwärtsbewegung begann vor dem Hintergrund einer neuen geopolitischen Eskalation zwischen den USA und China. Als Reaktion auf neue US-Zölle verhängte Peking Anfang Oktober Ausfuhrbeschränkungen für Seltene Erden. Am 10. Oktober sorgte die Furcht vor einem Handelskrieg für einen Flash-Crash an den Weltbörsen: Der Nasdaq 100 verlor 3,56 % – sein schlechtester Tag seit dem Frühjahr – und zog Bitcoin mit in die Tiefe. Der Krypto-Markt sollte sich von diesem Einbruch nicht mehr erholen.


Bitcoin-Preis
MarketScreener

Binnen 24 Stunden wurde am Kryptomarkt ein historischer Verlust von 400 Milliarden US-Dollar registriert, während gleichzeitig 2.000 Milliarden US-Dollar an der Wall Street verdampften. Die Korrelation zwischen Krypto und Tech-Werten wurde in aller Deutlichkeit sichtbar.

Die Verunsicherung wurde zusätzlich verschärft durch eine Reihe von makroökonomischen Störfaktoren:

  • Infolge eines mehr als 40-tägigen Government Shutdowns in den USA fehlten wichtige Konjunkturdaten.

  • Die Inflation kehrte überraschend zurück.

  • Die Bewertung von KI-Aktien erreichte extreme Höhen, was Blasenängste schürte.

Diese Faktoren ließen die Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen bröckeln: Laut dem CME FedWatch-Tool fiel die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung im Dezember von nahezu 100 % auf unter 50 % (am Abend des 19.11. lag sie gar bei 30%). Das hat besonders risikosensitive Assets wie Bitcoin hart getroffen.

US-Inflation
Trading Economics

Mit anderen Worten: Aus der nahezu einhelligen Erwartung einer Zinssenkung bei der Sitzung am 10. Dezember ist eine Wahrscheinlichkeit von nur noch 30-40-50 % geworden. Risikobehaftete Anlagen wie Bitcoin haben sich historisch betrachtet äußerst empfindlich gegenüber solchen Zinsaussichten gezeigt – ein Rückgang der Liquidität und steigende Kapitalkosten untergraben regelmäßig die Attraktivität des Kryptomarktes für viele institutionelle Investoren.

Geldmenge weltweit x Bitcoin
MacroMicro

Kapitalflucht und Panikverkäufe

Ab Ende Oktober setzte eine massive Kapitalflucht institutioneller Anleger ein. Bitcoin-Spot-ETFs verzeichneten seither Nettoabflüsse von über 3,1 Mrd. USD – davon allein 866,7 Mio. USD am 13. November, dem zweithöchsten Wert seit ihrer Einführung 2024. Insgesamt sind in nur drei Wochen 2,6 Milliarden USD abgeflossen – ein klares Signal für ein drastisches Risk-Off-Verhalten im professionellen Lager.

Wöchentliche Flows in Bitcoin-Spot-ETFs
SoSoValue

In der Folge erlebte der gesamte Kryptomarkt einen koordinierten Rückgang:

  • Gesamtmarktkapitalisierung: von 4.270 Mrd. USD auf 3.090 Mrd. USD (–27 %)

  • Ether (ETH): –21 % seit dem 1. November, Jahresperformance nun bei –9,2 %

  • XRP: –13,6 % seit Monatsbeginn, aktuell bei 2,16 USD

  • BNB: trotz +30 % YTD nun –16 % im November

  • Solana (SOL): –27 % seit Jahresbeginn, –26 % im laufenden Monat

Die Korrelation innerhalb des Krypto-Universums war in dieser Phase besonders hoch: Als Bitcoin fiel, zogen fast alle anderen Assets mit.

MarketScreener

Auch Krypto-Aktien im freien Fall

Die börsennotierten Unternehmen mit Krypto-Exponierung litten mit:

MarketScreener

Von der Euphorie zur Ernüchterung

Der Crash kam nach zwei Jahren beispielloser Euphorie. Zwischen Anfang 2023 und Herbst 2025 hatte sich der Kurs des Bitcoin versiebenfacht, angetrieben von beispielloser Begeisterung sowohl privater als auch institutioneller Investoren.

MarketScreener

Auslöser:

  • Ein regulatorisches Tauwetter in den USA mit pro-krypto-freundlicher Politik unter Präsident Donald Trump

  • Die Zulassung von Bitcoin-Spot-ETFs Anfang 2024, die Kapitalflüsse im Wert von 121 Mrd. USD anlockten

  • Die geldpolitische Lockerung der Fed ab 2024

  • Der Halving-Effekt vom April 2024

FED-Schlüsselsätze
Trading Economics

Auf dem Höhepunkt erreichte die Bitcoin-Marktkapitalisierung 2.500 Mrd. USD – das entsprach rund 60 % des gesamten Kryptomarkts.

Was sagt die On-Chain-Analyse?

Ein besonders aufschlussreiches Werkzeug der On-Chain-Analyse – also der direkten Beobachtung der Transaktionen auf der Bitcoin-Blockchain – ist das Modell der „Realized Cap HODL Waves“.

Dieses Instrument vereint zwei Konzepte:

  1. HODL Waves: Hierbei werden alle im Umlauf befindlichen Bitcoins nach dem „Alter“ ihrer letzten Bewegung klassifiziert – also danach, wie lange sie nicht mehr transferiert wurden (z. B. seit einer Woche, 1–3 Monaten, 1–2 Jahren, über 5 Jahren usw.). Ziel ist es, zu erkennen, welcher Teil des Angebots sich in den Händen kurzfristiger oder langfristiger Halter befindet.

  2. Realized Cap: Statt Bitcoins zum aktuellen Marktpreis zu bewerten, werden sie zum Preis bewertet, zu dem sie zuletzt bewegt wurden. Das ergibt eine Art „buchhalterischen“ Gesamtwert auf Basis der tatsächlichen Anschaffungskosten.

Durch die Kombination beider Ansätze lässt sich analysieren, welcher Teil dieses akquirierten Wertes von neueren oder älteren Investoren gehalten wird. Die daraus entstehenden Wellen zeigen die Angebotsstruktur im Zeitverlauf:

  • Steigen die „jungen“ Wellen (z. B. 0–6 Monate), spricht das für eine hohe Aktivität neuer Käufer, oft in euphorischen Marktphasen mit erhöhter Volatilität.

  • Wachsen die „alten“ Wellen (z. B. 2–10 Jahre), deutet das auf Akkumulation durch langfristige Investoren hin – das Angebot wird weniger flexibel, was typischerweise den Verkaufsdruck verringert.

Beispiel
Grafik 1: 0–6 Monate:
Ein Anstieg dieser Kurve bedeutet, dass ein größerer Anteil des Realized Cap aktuell in den Händen von Investoren liegt, die ihre Coins kürzlich bewegt haben. Das ist ein Indikator für erhöhte Marktdynamik, kurzfristige Spekulation – und potenziell stärkere Preisschwankungen.

Glassnode

Grafik 2 (unten): 2–10 Jahre:
Anteil des Realized Cap, der bei langfristigen Haltern gebunden ist: Steigt die Kurve, wird das Angebot knapper und der Verkaufsdruck nimmt ab. Sinkt die Kurve hingegen, geben diese Halter mehr aus, das Angebot lockert sich und der potenzielle Verkaufsdruck steigt.

Glassnode

Man erkennt also, dass derzeit der Anteil der jüngeren Coins (0–6 Monate) steigt, während der der langfristigen Halter (2–10 Jahre) sinkt:
Lange ruhende Bitcoins werden wieder in Umlauf gebracht – ein Zeichen für Gewinnmitnahmen der Altbesitzer – und von neuen Marktteilnehmern aufgekauft.

Eine neue Ära der Vorsicht?

Der Kurssturz im Herbst 2025 markiert eine Zäsur für das Krypto-Ökosystem. Zum einen machte er die wachsende Abhängigkeit von den globalen makroökonomischen Rahmenbedingungen deutlich. Anders als im „Krypto-Winter“ von 2022, der durch interne Skandale wie FTX oder Terra/Luna ausgelöst wurde, ging die Krise 2025 nicht auf eine brancheninterne Fehlfunktion zurück – es gab weder große Betrugsfälle noch spektakuläre Plattformpleiten zur Erklärung des Absturzes.

Es waren externe Faktoren – Geldpolitik, geopolitische Spannungen, Marktstimmung – die den Kursverlauf bestimmten. Mit anderen Worten: Der Bitcoin verhielt sich wie ein gewöhnliches Risiko-Asset, anfällig für dieselben Ängste wie der Nasdaq oder Tech-Aktien. Das markiert eine Abkehr von der früheren Vorstellung, er könne als „digitales Gold“ fungieren – als ein von den traditionellen Märkten entkoppeltes Wertaufbewahrungsmittel.

Zum anderen diente die Krise als Stresstest für die neuen Infrastrukturen des Kryptomarkts – mit insgesamt beruhigenden Ergebnissen. Die Bitcoin-ETFs etwa erfüllten ihre Funktion ohne größere Zwischenfälle: Trotz erheblicher Rückgaben konnten diese Fonds die Mittelabflüsse ihrer Anleger reibungslos bedienen. Der Mechanismus der „authorized participants“ absorbierte die Verkäufe, ohne dass es zu Marktverwerfungen kam. Es gab weder erzwungene Schließungen noch langwierige Aussetzungen – ein Beleg für die gewachsene Reife der Branche. Auch die führenden Handelsplattformen hielten den außergewöhnlichen Volumina weitgehend stand – wenn auch mit vereinzelten Verzögerungen. So entschädigte Binance betroffene Nutzer nach einer kurzzeitigen Preisstörung bei einem Stablecoin während des Crashs. All dies deutet darauf hin, dass die Krypto-Infrastruktur seit den Erschütterungen von 2022 robuster und widerstandsfähiger geworden ist.

Für Investoren und Unternehmen der Branche hat eine Phase neu entdeckter Vorsicht begonnen. Die Optimisten argumentieren, dass die Bereinigung übermäßiger Spekulation notwendig war, um gesündere Grundlagen zu schaffen: Schwache Hände haben kapituliert, überhebelte Positionen wurden aufgelöst – Voraussetzungen für einen möglicherweise tragfähigeren Aufschwung. Andere Marktbeobachter sehen in dem Schock jedoch eher den Auftakt zu einer längeren Konsolidierungsphase.

Letztlich könnte ein makroökonomischer Faktor der entscheidende Auslöser für eine echte Erholung sein. Sollte sich die Inflation abschwächen und die US-Notenbank Spielraum für Zinssenkungen im Jahr 2026 gewinnen, könnte die Risikobereitschaft allmählich zurückkehren – mit positiven Auswirkungen auf Kryptoanlagen. Umgekehrt würde eine anhaltend straffe Geldpolitik die Liquiditätsknappheit verlängern und den spekulativen Markt weiter belasten. Auch das internationale Umfeld wird eine Rolle spielen: Eine Entspannung geopolitischer Spannungen – etwa im Handelsverhältnis zwischen den USA und China – dürfte das Vertrauen globaler Investoren stärken, während neue Schocks (z. B. eine Finanzkrise) die Skepsis gegenüber volatilen Anlageklassen wie Bitcoin weiter verstärken würden.