Frankfurt, 12. Mai (Reuters) - Der Pharma- und Agrarkonzern Bayer steht im milliardenschweren Glyphosat-Streit in den USA vor entscheidenden Wochen. Vor einer mit Spannung erwarteten Entscheidung des Obersten Gerichtshofs warnte Konzernchef Bill Anderson am Dienstag eindringlich vor den Folgen einer Niederlage. Sollten die Richter entscheiden, dass nationale Zulassungen keinen Schutz vor Klagen in einzelnen US-Bundesstaaten bieten, drohe eine "regulatorische Anarchie", sagte Anderson bei der Vorlage der Quartalszahlen. "Wenn es keinen Vorrang des Bundesrechts gibt, was ist dann der Sinn einer staatlichen Zulassung?"

Ein Urteil des Supreme Court der USA zugunsten der Leverkusener könnte für Bayer einen Befreiungsschlag in der jahrelangen Klagewelle um die angeblich krebserregende Wirkung des Unkrautvernichters bedeuten. Der Konzern argumentiert, dass die US-Umweltschutzbehörde EPA Glyphosat wiederholt als nicht krebserregend eingestuft und Produktetiketten ohne entsprechenden Warnhinweis genehmigt habe. Trotzdem wurde Bayer in einzelnen US-Bundesstaaten von Laienjurys immer wieder zu milliardenschweren Schadenersatzzahlungen verurteilt. Nach Auffassung des Konzerns müssen die Vorgaben der Bundesbehörden daher Vorrang vor einzelstaatlichem Recht haben.

Folgt das Gericht dieser Argumentation, würde dies vielen Klagen die Grundlage entziehen. Andernfalls drohe ein Flickenteppich widersprüchlicher Regeln durch einzelne Bundesstaaten und Geschworenengerichte, warnte Anderson. "Warum sollte man neue Produkte auf den Markt bringen, die Milliarden kosten und jahrzehntelange Forschung benötigen, wenn man sich damit trotz eines strengen Zulassungsprozesses dem Risiko milliardenschwerer Rechtskosten aussetzt?"

Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs wird bis Ende Juni erwartet. Selbst bei einer Niederlage zeigte sich Anderson zuversichtlich, die Rechtsstreitigkeiten in diesem Jahr "deutlich eindämmen" zu können. Für ein "Worst-Case-Szenario" halte sich der Konzern weitere Optionen offen, darunter auch "strukturelle Optionen", die die Konzernstruktur beträfen. Derzeit gebe es jedoch keine Pläne für einen solchen Schritt, sagte Anderson mit Verweis auf den laufenden Sammelvergleich und die Hoffnung auf ein positives Gerichtsurteil.

Parallel versucht Bayer, über die Politik regulatorische Klarheit in den USA zu schaffen. Während im Bundesstaat Kentucky ein entsprechendes Gesetz verabschiedet wurde, erlitt Bayer bei der Diskussion um das US-Agrargesetzespaket "Farm Bill" auf Bundesebene einen Rückschlag. Fortschritte gibt es dagegen bei dem Anfang März vorläufig genehmigten Sammelvergleich über bis zu 7,25 Milliarden Dollar mit Klägerkanzleien. Die Frist für einen möglichen Austritt von Klägern läuft bis zum 4. Juni, im Juli soll die Anhörung für die finale Genehmigung folgen.

AGRARGESCHÄFT SORGT FÜR ÜBERRASCHEND STARKEN RÜCKENWIND

Wie teuer die juristischen Altlasten den Konzern weiterhin zu stehen kommen, zeigte sich beim freien Mittelzufluss (Free Cashflow): Dieser lag im ersten Quartal bei minus 2,3 Milliarden Euro, vor allem wegen Auszahlungen für bereits geschlossene Vergleiche zu PCB und Glyphosat in Höhe von rund zwei Milliarden Euro. Operativ lief das Geschäft dagegen überraschend stark, auch wenn dabei Sondereffekte aus dem Agrargeschäft halfen. An der Börse war Bayer mit einem Plus von sechs Prozent größter Dax-Gewinner.

Der bereinigte operative Gewinn (Ebitda) stieg im ersten Jahresviertel um neun Prozent auf 4,45 Milliarden Euro. Analysten hatten im Schnitt nur 3,93 Milliarden Euro erwartet. Der Umsatz sank zwar um mehr als zwei Prozent auf 13,41 Milliarden Euro, währungsbereinigt wuchs Bayer jedoch um gut vier Prozent. Die Agrarsparte profitierte vor allem von der Beilegung eines Lizenzstreits mit dem US-Konkurrenten Corteva, die fast eine halbe Milliarde Euro zum Umsatz beitrug. Zudem erholten sich in den USA die Preise beim Unkrautvernichter Dicamba. Das Ergebnis in der Sparte stieg dadurch um fast 18 Prozent.

Im Pharmageschäft bekam Bayer dagegen die Patentabläufe bei Blockbustern wie dem Gerinnungshemmer Xarelto und dem Augenmittel Eylea zu spüren. Die neueren Medikamente Nubeqa und Kerendia verzeichneten dagegen kräftige Zuwächse. Dennoch sank das operative Ergebnis der Pharmasparte auch wegen höherer Vertriebskosten um 7,5 Prozent. Den währungsbereinigten Ausblick für das laufende Jahr bekräftigte der Konzern. Wegen veränderter Wechselkurse hob Bayer die Zielspannen auf unbereinigter Basis leicht an. Für 2026 rechnet das Management nun mit einem Umsatz von 44,5 bis 46,5 (bisher: 44 bis 46) Milliarden Euro und einem Ergebnis vor Sondereinflüssen von 9,4 bis 9,9 (bisher: 9,1 bis 9,6) Milliarden Euro.

(Bericht von Patricia Weiß, redigiert von Olaf Brenner. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)