2025 markiert für Avio die Rückkehr des Wachstums – und die Investoren haben das erkannt. Seit dem Tiefpunkt im Winter 2024 hat sich der Aktienkurs mehr als versiebenfacht.
Die Ursprünge des Unternehmens gehen auf Fiat zurück, genauer gesagt auf den Wunsch des Konzerns, in die Luftfahrt- und Schifffahrtsindustrie einzusteigen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts fand Avio schrittweise seine industrielle Identität – von Dieselmotoren für Schiffe über Gasturbinen bis hin zu Feststoffantrieben. 1984 erhielt das italienische Unternehmen seinen ersten Auftrag in der Raumfahrtindustrie im Rahmen des Ariane-5-Programms.
In der Folge wechselte Avio mehrfach den Eigentümer. 2003 verkaufte Fiat das Geschäft aufgrund finanzieller Schwierigkeiten an ein Konsortium aus Carlyle Group und Finmeccanica. Damals wurde Avio mit 1,5 Mrd. Euro bewertet. Später übernahm der britische Finanzinvestor Cinven die Kontrolle für 2,57 Mrd. Euro.
Das Jahr 2012 markierte einen Wendepunkt: General Electric übernahm das Unternehmen und spaltete die Aktivitäten in zwei separate Bereiche auf – Luftfahrt auf der einen, Raumfahrt auf der anderen Seite. Letztere Sparte ist heute als Avio Spa börsennotiert. Neben Beiträgen zu den Trägerraketen Ariane 5, Ariane 6 sowie Vega und Vega C entwickelt und produziert der Konzern auch Antriebssysteme für die Verteidigungsindustrie. Wenig überraschend werden 97 % des Umsatzes in Europa erzielt.
Einbruch der Fundamentaldaten und jahrelange Börsenflaute
Das Wachstum des Unternehmens stagnierte über viele Jahre hinweg, belastet durch eine Reihe von Krisen. Nach dem Covid-Schock drückten die Energiekrise und der starke Anstieg der Gaspreise – verschärft durch den Krieg in der Ukraine – massiv auf die Margen. Während der Umsatz nur leicht zurückging, brach die Profitabilität kontinuierlich ein. Das operative Ergebnis fiel von 23,24 Mio. Euro im Jahr 2019 auf lediglich 3,51 Mio. Euro im Jahr 2023.
Neben den externen Belastungen litt Avio auch unter einer kostspieligen Übergangsphase. Das Auslaufen der älteren Modelle Ariane 5 und Vega sowie die parallele Einführung der neuen Raketen Ariane 6 und Vega C verursachten erhebliche Produktionskosten. Der erste Start der Vega C, der eigentlich für mehr Visibilität sorgen sollte, endete zudem mit einem Fehlschlag und führte zu weiteren unerwarteten Belastungen.
Die Rückkehr des Wachstums
2025 brachte die Rückkehr der Investoren zum Spezialisten für Antriebssysteme. Der Start der Ariane 6 war ein großer Erfolg, während die Kosten der alten Programme allmählich nachließen. Gleichzeitig profitierte die Aktie vom kräftigen Anstieg der Verteidigungsausgaben in Europa.
Die Ergebnisse des ersten Quartals bestätigen diesen Trend. Der Umsatz wächst wieder, und die Profitabilität kehrt langsam zurück. Der Auftragsbestand beläuft sich inzwischen auf mehr als 2,1 Mrd. Euro und bietet Visibilität bis 2030. Besonders hervorzuheben ist der Verteidigungsbereich, der die Ergebnisse stützt und inzwischen mehr als 30 % des Auftragsbestands ausmacht. Das Wachstum dieses Segments wird durch umfangreiche Bestellungen der US Army sowie die starke Nachfrage nach Raketen in Europa getragen.
Dennoch bleiben mehrere Unsicherheitsfaktoren bestehen. Die Energiekosten stehen angesichts des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten weiterhin im Fokus. Zudem sorgen – wie in der gesamten Verteidigungsindustrie – komplexe politische Entscheidungsprozesse und wechselnde Zeitpläne für eine eingeschränkte Planbarkeit der Finanzprognosen.
Die Aktie hat zuletzt bereits eine Korrektur erlebt, ausgelöst durch Sorgen, dass die Gewinne aus den neuen Verträgen erst verzögert sichtbar werden könnten. Trotz allem wirkt der Titel weiterhin hoch bewertet – mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 141 für 2026 und 131 für 2027.
Gleichzeitig bleibt das besondere Profil des Unternehmens, an der Schnittstelle zwischen Verteidigung und Raumfahrt, für Investoren attraktiv.
In diesem Zusammenhang brachte die Nacht vom 18. auf den 19. Mai neue Zuversicht: Der erfolgreiche Start der Vega-C-Rakete mit dem Satelliten SMILE an Bord wurde als starkes Signal gewertet. Das dürfte die Anleger beruhigen und ihre Strategie bestätigen – denn sie kaufen weiterhin vor allem eines: die Zukunft.


















