Zunächst stand Alphabet mit seiner Tochter Google stark unter Druck. Doch das Unternehmen hat sich mit deutlich mehr Zurückhaltung als andere Technologieriesen neu positioniert und seine Strategie durchgezogen. Es ist gelungen, das Image eines „veralteten Internet-Giganten“ abzulegen und sich als zentraler Akteur der globalen KI-Infrastruktur zu etablieren – so sehr, dass inzwischen einige Investoren davon ausgehen, dass Google die beiden derzeitigen Branchenführer, Nvidia und OpenAI, unmittelbar angreifen könnte. In dieser neuen Rolle könnte Alphabet sogar das Kunststück gelingen, als drittes Unternehmen überhaupt eine Marktkapitalisierung von 4.000 Mrd. (4 Billionen) US-Dollar zu erreichen – noch vor Microsoft, das bislang wegen seines frühen OpenAI-Engagements als Favorit in der KI-Rallye galt.

Ein Indikator für Alphabets neue Position ist die Tatsache, dass die KI-Shootingstars OpenAI und Anthropic versuchen, auf das Spielfeld von Google vorzudringen. „Während die Medien mit Begeisterung jeden Schritt von Sam Altman begleiten, um OpenAI zu einem vertikal integrierten KI-Giganten zu machen, ist Google längst ein vertikal integrierter KI-Riese“, bemerkte kürzlich Martin Peers von der Tech-Publikation The Information. Hinzuzufügen wäre: Google ist nicht nur vertikal integriert, sondern auch finanziell bestens aufgestellt – mit offensichtlichen Synergien im Konzern und einem exzellenten Forschungs- und Entwicklungszentrum (die Transformer-Architektur, Basis heutiger LLMs, stammt aus Google-Laboren, das T in ChatGPT steht für Transformer).

Gemini 3, Google Cloud und TPU Ironwood

Kaum verwunderlich also, dass Alphabet aktuell an mehreren Fronten gleichzeitig Fortschritte erzielt. So hat das Unternehmen jüngst Gemini 3 vorgestellt, die bislang fortschrittlichste Version seines KI-Modells. Die ersten Reaktionen vergangene Woche fielen durchweg positiv aus. Gemini 3 gilt als präziser, nuancierter und weniger abhängig von detaillierten Anweisungen – und ist nahtlos in das Google-Ökosystem mit weltweit rund 650 Millionen Nutzern integriert.

Auch im Wettstreit mit Nvidia war Alphabet früh aktiv. Während der von Jensen Huang geführte GPU-Spezialist seine technologische Führungsposition nutzt, hat Alphabet gemeinsam mit Broadcom die TPU Ironwood entwickelt – spezialisierte KI-Chips, die ab Anfang 2026 die Cloud-Kapazitäten von Google erweitern sollen. Meta, traditionell ein Großabnehmer von Nvidia-GPUs, erwägt bereits einen Großauftrag, um spätestens 2027 eine Alternative zum bisherigen Hauptlieferanten zu haben. Google Cloud wurde zudem als neuer Kapazitätsanbieter von OpenAI und Anthropic gelistet. Da das Angebot von Nvidia weiterhin durch Produktionsengpässe und steigende Kosten limitiert ist, verschieben sich die Kräfteverhältnisse: Google wird nicht länger als Nachzügler betrachtet, sondern als ernstzunehmende Alternative im KI-Ökosystem.

OpenAI – too big to fail?

Bleibt die Frage aus dem (provokanten) Titel: Reicht dieser Aufstieg, um Nvidia und OpenAI zu verdrängen? So einfach ist es nicht. Nvidia kann auf einen Auftragsbestand von 500 Milliarden Dollar für die Architekturen Blackwell und Rubin verweisen, während der Wettbewerb durch AMD und Broadcom erst an Fahrt gewinnt. OpenAI wiederum hat sich trotz gigantischem Finanzierungsbedarf ein Netzwerk aus Partnern, Anteilseignern und Kunden gesichert, das dem Unternehmen einen gewissen „too big to fail“-Status verleiht. Anleger fürchten zudem einen Investitionsrückgang der Hyperscaler sowie makroökonomischen Gegenwind.

Auch Alphabet ist nicht vor Rückschlägen gefeit. Führende Unternehmen in Oligopolstrukturen verlieren naturgemäß früher oder später Marktanteile. Noch immer stammen rund 75 % der Umsätze aus Werbung – ein Geschäftsmodell, das angesichts des durch KI induzierten Wandels der Nutzergewohnheiten unter Druck steht. Außerdem droht dem Konzern weiterhin eine mögliche Zerschlagung durch das US-Justizministerium (DOJ), das eine Abspaltung von Chrome erzwingen könnte – wobei der Siegeszug der generativen KI bei der Webnavigation die Argumentationslage inzwischen verändert hat.

Alphabet, der "Killer"?

Nicht zwingend ein „Killer“ von Unternehmen, wohl aber ein „Killer“ naiver KI-Erwartungen: Der Markt ist viel weniger festgefahren, als lange angenommen wurde. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 auf die Gewinne 2027 war die Aktie vor einigen Monaten klar unterbewertet. Mittlerweile wird sie mit einem Multiple von 25 auf 2027 gehandelt – und befindet sich damit wieder auf Branchenniveau. Dabei ist Alphabet dank seiner außergewöhnlichen Diversifikation und strategischen Kohärenz besser aufgestellt als viele Wettbewerber.