Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen (EVs) in Europa ist massiv angestiegen, da hohe Kraftstoffpreise infolge des Iran-Krieges den Absatz von Neu- und Gebrauchtwagen mit Elektroantrieb befeuern. Dies geht aus exklusiven Daten hervor, die Reuters vorliegen und der Automobilindustrie den dringend benötigten Auftrieb geben.

Obwohl der Absatz rein elektrischer Fahrzeuge in Europa im Jahr 2025 um 30% zunahm, blieb die Akzeptanz von E-Autos auf dem Kontinent hinter den Erwartungen der Branche zurück. Automobilhersteller von Volkswagen bis hin zum Fiat-Eigentümer Stellantis, die in Erwartung einer deutlich höheren Nachfrage massiv investiert hatten, mussten im vergangenen Jahr Abschreibungen in Milliardenhöhe vornehmen.

Die Kalkulation der Käufer hat sich jedoch grundlegend gewandelt, nachdem die internationalen Ölpreise auf weit über 100 Dollar pro Barrel gestiegen sind. Auslöser waren US-amerikanische und israelische Luftangriffe auf den Iran Ende Februar, die einen umfassenderen Konflikt entfachten und zu beispiellosen Unterbrechungen der Energieversorgung führten.

'Dies ist keine vorübergehende Erscheinung, sondern ein Wendepunkt', sagte Gurjeet Grewal, CEO des britischen Unternehmens Octopus Electric Vehicles. Sein Unternehmen verzeichnete im April einen Anstieg der Nachfrage nach neuen E-Fahrzeugen um 95% gegenüber dem Vorjahr, bei gebrauchten Stromern betrug das Plus sogar 160%.

Als Nettoimporteur von Energie ist Grossbritannien besonders stark von der steigenden Inflation und den höheren Lebensmittelpreisen betroffen.

Europaweit zeigen Daten der Forschungsgruppe New Automotive und des Industrieverbandes E-Mobility Europe, die Reuters zur Verfügung gestellt wurden, dass die Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen im April im Jahresvergleich um 34% gestiegen sind.

Die Daten decken 16 Märkte ab, auf die mehr als 80% der Pkw-Verkäufe in der Europäischen Union und der Europäischen Freihandelsassoziation entfallen.

Sie belegen ein starkes Wachstum bei E-Autos in Dänemark und den Niederlanden, wo diese bereits populär sind, aber auch in Märkten wie Italien, wo der Hochlauf bisher nur schleppend vorankam.

Erik Severinson, Chief Commercial Officer von Volvo Cars, erklaerte, dass die Aufträge des schwedischen Automobilherstellers gestiegen seien, insbesondere für das Einstiegsmodell EX30, ein kleiner Elektro-SUV, 'bei dem die Kunden am empfindlichsten auf steigende Ölpreise reagieren'.

'Wir sehen auch eine Zunahme von Kundenanfragen zu unseren vollelektrischen Fahrzeugen in südeuropäischen Märkten, in denen die Marktdurchdringung vergleichsweise gering ist', so Severinsson.

AUTOMOBILHERSTELLER ERWÄGEN PRODUKTIONSSTEIGERUNG

Der französische Hersteller Renault gab an, dass 50% seiner Zulassungen in Grossbritannien im April auf Elektrofahrzeuge entfielen, wobei die Anfragen zu E-Modellen auf der britischen Website seit Beginn des Iran-Krieges um 48% gestiegen sind. Die April-Zulassungen - die den Auftragseingängen zeitlich nachgelagert sind - spiegeln erstmals die vollen Auswirkungen des Konflikts wider.

'Das Interesse an der Elektro-Palette von Renault hat sich fundamental verschoben', sagte Adam Wood, Geschäftsführer von Renault UK.

Eine Quelle innerhalb des Automobilherstellers, die anonym bleiben wollte, bestätigte, dass das Unternehmen an einer Erhöhung der Produktion arbeite.

Markus Haupt, CEO von Seat/Cupra - beides Marken des Volkswagen-Konzerns - sagte Anfang Mai, sein Vertriebsteam in Deutschland habe berichtet, dass E-Autos fast 60% der Bestellungen ausmachten, was deutlich über der Quote von 25% liege.

'Wir haben ein Produktionsbudget für dieses Jahr', sagte Haupt. 'Aber vielleicht werden wir die Menge an Elektrofahrzeugen erhöhen müssen.'

CHINESISCHE MARKEN PUNKTEN DURCH ERSCHWINGLICHKEIT

Auch Online-Marktplätze verzeichneten vermehrt Suchanfragen nach neuen und gebrauchten E-Autos, mit einem deutlichen Sprung bei chinesischen Marken und deren preisgünstigeren Modellen.

Seit Kriegsbeginn ist der Anteil der E-Auto-Anfragen auf dem deutschen Marktplatz Carwow von rund 40% auf 75% gestiegen, während das Interesse an konventionellen Benzinern von 33% auf 16% sank.

'Auffallend ist die starke Dynamik der chinesischen Hersteller', sagte Philipp Sayler von Amende, Geschäftsführer von Carwow Deutschland. Grosse Namen wie BYD hätten sich von 'Nischenmarken' zu einigen der gefragtesten Anbieter entwickelt.

Laut Carwow stiegen die Kaufanfragen für BYD auf der Website im ersten Quartal um massive 25.000%, während jene für Leapmotor um 436% und für Xpeng um 153% zunahmen.

Der konkurrierende Online-Marktplatz OLX gab an, dass die Kundenanfragen für Elektrofahrzeuge auf seiner französischen Website seit Kriegsbeginn um 80% gestiegen sind.

Bei früheren Kraftstoffpreisspitzen, die bis in die 1970er Jahre zurückreichen, wechselten die Verbraucher ebenfalls zu sparsameren Autos, kehrten jedoch zu weniger effizienten Modellen zurück, sobald der Druck an den Zapfsäulen nachliess.

Diesmal könnte es anders sein, so Branchenvertreter.

'Der Iran-Konflikt hat die Art und Weise, wie Menschen über Energiesicherheit in ihrem täglichen Leben denken, grundlegend verändert', sagte Christian Gisy, CEO von OLX. 'Die Europäer sind beim Thema Elektrofahrzeuge von 'vielleicht irgendwann' zu 'genau jetzt' übergegangen.'