Frankfurt, 15. Apr (Reuters) - Überschattet von einer Streikwelle und wachsenden Risiken für die Luftfahrt infolge des Iran-Kriegs hat die Lufthansa den 100. Jahrestag ihrer ersten Firmengründung gefeiert. "Der Luftverkehr ist und bleibt seit 100 Jahren eine Wachstumsbranche, und Deutschland spielt ganz vorne mit - wir wollen, dass das so bleibt", sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr am Mittwoch in Frankfurt. Dabei trage das Unternehmen nicht nur für mehr als 140 Millionen Fluggäste im Jahr Verantwortung, sondern auch für 110.000 Mitarbeitende. "Das gilt auch für die, die heute vor dem Flughafen protestieren." Die Feier im neuen Besucherzentrum "Hangar One" wurde von Protesten von mehr als 1000 Crew-Mitgliedern begleitet, die bessere Arbeitsbedingungen und höhere Betriebsrenten fordern.

Die Lufthansa ist wegen des festgefahrenen Tarifstreits zum dritten Mal in diesem Jahr mit Streik von Piloten und nun auch Flugbegleitern konfrontiert. Am Mittwoch legten sie den vierten Tag in Folge den Betrieb der Airline lahm. Zwei weitere Streiktage der Cockpit-Beschäftigten folgen am Donnerstag und Freitag, weil ein Schlichtungsversuch zwischen der Lufthansa und der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) scheiterte. Jeden Tag fallen Hunderte Flüge aus, Zehntausende Passagiere sind betroffen, zig Millionen Kosten laufen auf. Doch Spohr gab die Linie vor, lieber vorübergehende Ausfälle im Flugplan hinzunehmen als die Wirtschaftlichkeit der Hauptmarke durch höhere Personalkosten zu gefährden.

Scharf kritisierte Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley die Gewerkschaften VC und die Flugbegleitergewerkschaft UFO und ihre Unterstützer. "Der Kranich gehört seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Arbeitgebern. Das ist das wahre Lufthansa-Gen", sagte Kley. "Aber offenbar tragen einige unserer Mitarbeiter ein anderes Gen in sich." Er beklagte Tarifkonflikte in Dauerschleife wegen des Konkurrenzkampfs mehrerer Gewerkschaften im Unternehmen, was immer schneller zu Eskalation führe und zunehmend destruktiv sei. Kley forderte Bundeskanzler Friedrich Merz, der an der Feier teilnahm, auf, eine Diskussion über eine "Kodifizierung" des Streikrechts anzustoßen, weil es keine "Waffengleichheit" mehr gebe, zu Lasten der Arbeitgeber.

NEUE HÄRTE IM TARIFSTREIT

Während das Firmenjubiläum begangen wird, um historische Leistungen zu würdigen und den Zusammenhalt zu stärken, geben die Lufthanseaten in der Öffentlichkeit ein Bild der Zerrissenheit ab. Bei internen Umfragen zeigten die Beschäftigten dagegen zuletzt hohe Zufriedenheitswerte. Der mit "neuer Härte" des Managements geführte Tarifstreit sei bedauerlich, sagte VC-Chef Andreas Pinheiro. "Zusammenhalt ist etwas, was wir unter Piloten wirklich haben und auch schon immer hatten bei der Lufthansa." Der Zusammenhalt zeige sich gerade in der Streikbereitschaft. Dem Nein der Lufthansa zur Forderung, den Arbeitgeberbeitrag zur Betriebsrente mehr als zu verdoppeln, hielt er entgegen, die Vorstände erhielten schließlich auch höhere Bonuszahlungen.

Viel Lob und Dank an die Lufthansa als Aushängeschild Deutschlands spendete unterdessen der Bundeskanzler. Die Lufthansa habe in den letzten 100 Jahren mit ihrem Kranich-Logo und ihrem Namen Deutschland geprägt wie kein anderes Unternehmen, sagte der passionierte Hobbypilot. Die Luftfahrtbranche sei und bleibe eine Wachstumsbranche. "Seriöse Prognosen gehen davon aus, dass sich der Luftverkehr weltweit bis 2050 erneut verdoppelt. Darauf müssen wir uns einstellen und dafür müssen wir Bedingungen schaffen, um an diesem Wachstum teilzunehmen", sagte der Kanzler. "Weniger fliegen ist keine Option für den Wirtschaftsstandort Deutschland."

Die Gewerkschaften nahmen unterdessen die Feier gezielt zum Anlass, den Druck auf den Arbeitgeber zu erhöhen. UFO wirft dem Management vor, die Konditionen für die rund 20.000 Kabinenbeschäftigten verschlechtern und die Arbeit verdichten zu wollen, statt die Mitarbeitenden vor Überlastung zu schützen, wie es UFO für einen verbesserten Manteltarifvertrag fordert. Die rund 5000 Piloten pochen auf eine Verbesserung der schon stattlichen Betriebsrenten.

Die Lufthansa lehnt die Forderungen ab, weil damit die ohnehin schon hohen Personalkosten der Airline weiter nach oben getrieben würden. Damit kann das Management das Ziel nicht erreichen, die Rendite der zurzeit kaum profitablen Kernmarke auf acht bis zehn Prozent zu steigern. Um zu niedrigeren Kosten zu arbeiten, wurden zwei neue Flugbetriebe gegründet - Discover bedient Urlaubsziele, City Airlines absolviert kostengünstiger als die vor der Schließung stehende Cityline Regional- und Zubringerflüge zu den Drehkreuzen. Das Management will weitere defizitäre Routen der Lufthansa auf die günstigeren Töchter verlagern, wenn die Personalkosten durch teure Tarifabschlüsse weiter steigen sollten.

Die verfahrene Situation zwischen den Tarifparteien führt aber auch zu steigenden Kosten durch immer mehr Streiktage. Die Lufthansa muss jedes Mal viele hundert Flüge streichen und Zehntausende Passagiere umbuchen. Das führt zu direkten Kosten durch Entschädigungen und Rückerstattungen und schadet dem Geschäft, weil es Kunden vom Buchen bei Lufthansa abschreckt.

Unterdessen wächst in der Luftfahrt die Sorge über Kerosinmangel und weiter steigende Treibstoffpreise infolge des Iran-Krieges. Die Lufthansa hat zwar für 80 Prozent ihres Treibstoffbedarfs in diesem Jahr den Einkaufspreis abgesichert. Doch nützt das nichts, wenn Lieferungen ausbleiben sollten. Die Flugpreise steigen marktbedingt trotzdem stark - die Nachfrage nach Urlaubs- und Geschäftsreisen könnte sinken.

(Mitarbeit: Andreas Rinke, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com)

- von Ilona Wissenbach